Wenn einer eine Reise tut...

 

 

So kann man sich täuschen. Von wegen, ich begleite meinen Koffer in den Libanon. Als ich nach einigen Komplikationen bedingt durch den Wintereinbruch in Deutschland mit mehreren Stunden Verspätung in Beirut lande, erfahre ich, dass mein Koffer noch in Düsseldorf steht. Erwartete Ankunftszeit: 24 Stunden später. Heißt für mich im Klartext: Für mein erstes Konzert in der amerikanischen Universität in Beirut muss ich mir ein anderes Bühnenoutfit einfallen lassen.

 

Ghassan, der Ehemann der Kulturagentin, der mich mit seinem offenherzigen und strahlenden Sohnemann abholen kommt und zum Haus meiner Gastgeberin fährt, sieht das sehr pragmatisch. "Spielst du nicht Jazzmusik?", fragt er mich auf Englisch - der Sprache, mit der ich mich hier durchboxe. "Dann kannst du doch sowieso auf die Bühne gehen, wie du willst, und musst dich nicht schick machen." Ich schmunzle. Guter Punkt eigentlich. Irgendwas wird mir schon einfallen, und so erwidere ich: "Stimmt, ich bin ja außerdem nicht hier, um schön auszusehen, sondern um Musik zu machen und mit euch Spaß zu haben." Spaß, den hatten wir beim letzten Mal wahrlich miteinander. Kaum vorstellbar, dass seitdem zwei Jahre vergangen sind. Wir lachen und wenden uns für den Rest der halbstündigen Autofahrt vom Flughafen bis zu meinem Domizil anderen, wichtigeren Themen zu.

 

Wie es ihnen in den letzten zwei Jahren ergangen sei, frage ich Ghassan, dessen drei Kinder und Ehefrau Astrid ich schon bei meinem letzten Besuch ins Herz geschlossen habe. Daraufhin schildert er mir, wie frustrierend es sei, dass manche Menschen sich einfach gerne gegenseitig bekriegten und die Situation des Libanons aufgrund dessen perspektivenlos sei. Insbesondere für seine Kinder bedaure er das, und so erwägen er und seine Frau, nach Europa auszuwandern. Wie, das sei unklar, aber die Idee, der Wunsch stehen im Raum. Das ginge vielen Libanesen so, erzählt er mir. Das bisschen Tourismus, das es nach dem Bürgerkrieg noch gab, sei seit den politischen Unruhen im Nachbarland Syrien nun auch dahin. Dem Land ist nicht viel geblieben.

 

Ich bin nicht einer von jenen Musikern, die Politik und Kultur miteinander verbinden oder mit politischen Statemens auf die Bühne gehen. Das war nie mein Ding. Hier kann man allerdings nicht unterwegs sein, ohne sich dabei auch mit der Politik zu befassen. Diesen Eindruck hatte ich schon bei meinem ersten Besuch, und dieser Eindruck festigt sich jetzt. Letztlich geht es bei Politik auch immer um Freiheit. Und Freiheit, die bringe ich in meiner Musik gerne zum Ausdruck. Und Liebe. Dafür habe ich bei meinem letzten Besuch während eines Konzertes in Tripoli, das diesmal aus Sicherheitsgründen nicht mit auf der Tourliste steht, Zwischenapplaus geerntet.

 

Warum ich wiedergekommen sei, will er von mir wissen. Und so erzähle ich ihm, wie ich mich im Oktober nach den Anschlägen in Beirut bei Lotti (meiner Gastgeberin, bei dir ich auch vor zwei Jahren schon untergebracht war und die das Kulturzentrum leitet, das mich hierher eingeladen hat) erkundigt hatte, ob bei ihr alles ok sei, und kurz darauf eine Einladung erhielt, noch in diesem Jahr wieder für ein paar Konzerte in den Libanon zurückzukehren.

Eine andere deutsche Musikgruppe, die für November eingeplant war, hat kurzfristig abgesagt. Das sei einerseits verständlich, sind wir uns einig; andererseits geht es im Libanon eben auch sehr normal zu - Weihnachtsdeko in der Innenstadt und an der Autobahn entlang inbegriffen. Ein funkelndes Gebäude zu meiner Rechten beeindruckt mich beim Vorbeifahren ganz besonders. Ich fühle mich an meinen ersten Aufenthalt erinnert, als ich zum ersten Mal feststellte, wie nah hier Normalität und Instabilität beieinander liegen. Hier ein imposant weihnachtlich geschmücktes Haus, da eine vom Bürgerkrieg geprägte Häuserfassade.

Bei meiner Gastgeberin Lotti angekommen stellt sich bei mir ein Gefühl des Nachhausekommens ein. Zu meiner Verwunderung ist sie noch wach und lässt es sich nicht nehmen, trotz meiner Aussage, das Essen von Air France sei sehr lecker und ausreichend gewesen, mir von ihren Bediensteten frischen Fisch und andere Köstlichkeiten auftischen zu lassen. Wäre ich mir nicht ohnehin schon sicher gewesen, dass diese Reise anzutreten das Richtige ist, spätestens jetzt wäre jeglicher Zweifel verflogen.

Lotti dankt mir nach wenigen Minuten des herzlichen Plauderns für meine Courage, gekommen zu sein. Als ich ihr erkläre, dass es für mich naheliegend, ja beinahe selbstverständlich schien, ihrer Einladung zu folgen, und ich - wie so oft in meinem Leben - bei meiner Entscheidung auf mein Bauchgefühl vertraut habe, erzählt sie mir, dass gleich mehrere ihrer deutschen Freunde für die Feiertage abgesagt haben.

Schon interessant, denke ich mir später in meinem Zimmer, als ich frischgeduscht in einer Leihgabe von einem Blümchennachthemd auf meinem Bett sitze und innerlich ankomme. Wenn man einmal hier ist und den Menschen begegnet, erscheint alles andere so relativ - wie die Medien über die Situation hier und in den Nachbarländern berichten beispielsweise. Selbst der fehlende Koffer ist zur Nebensache geworden, auch wenn ich meine Nivea Soft und ein paar andere Utensilien daraus schmerzlich vermisse.

Ein Blick aus dem Fenster und ich bin entschädigt. Ein Foto von der nächtlichen Kulisse gelingt mir nicht, aber gleich am nächsten Morgen mache ich einen Schnappschuss für meine Freunde in Deutschland.

Ich bin hier, und dafür bin ich dankbar.

 

Mehr von meiner Reise gibt's von nun an täglich in meinem Libanon-Blog.

Der rote Koffer vor dem Antritt meiner Reise. Ob er wohl je ankommen wird?
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Dem Wintereinbruch in Deutschland entkommen: In Beirut erwarten mich um die 20 Grad.
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Auf geht's.
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Nach einem verpassten Anschlussflug in Paris hat das Warten irgendwann ein Ende.
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Blinkende Weihnachtsdeko auf dem Frühstückstisch.
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Denkanstoß an der Wand.
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Gute Aussichten.
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