Von der Relativität der Zeit und wunderbaren Begegnungen

 

 

Zeit ist etwas sehr Relatives. Weder kommt es mir so vor, als seien seit meinem letzten Besuch zwei Jahre vergangen, noch kann ich mir erklären, wie es möglich ist, innerhalb von 24 Stunden so viele Eindrücke zu sammeln und so vielen netten Menschen zu begegnen.

 

Dass die gestrige Reise anstrengend war, kann ich daran festmachen, dass ich wie ein Stein geschlafen und morgens großzügig meinen Wecker ignoriert habe. Als ich schließlich aufstehe, erwartet mich Lotti schon zum Frühstück. Ihr Mann Faouzi gesellt sich kurze Zeit später zu uns. In einem Mischmasch aus Arabisch, Französisch, Englisch und Deutsch gelingt uns eine lebendige Konversation, die ihren Höhepunkt erreicht, als wir auf den Gesundheitszustand von Faouzi zu sprechen kommen. Tatsächlich hatte er bei meinem letzten Besuch mit schweren Herzproblemen zu kämpfen. Seitdem ihm eine neue Aorta, nämlich eine Schweineaorta, eingesetzt wurde, ist er wieder wohlauf. Lotti erzählt, dass Faouzi, dessen Familie dem christlichen Glauben angehört, mit eben dieser Begebenheit gerne seine muslimischen Freunde ärgert, die bekanntermaßen keine Fans von Schweinen sind. Die religiösen Differenzen innerhalb dieses Landes auf eine solche Weise aufzugreifen und eben auch nicht allzu ernst zu nehmen - das amüsiert und fasziniert mich.

 

Kurze Zeit später finden wir uns in Lottis Zimmer wieder, um die Kuh vom Eis zu holen, was das Bühnenoutfit für mein heutiges Konzert in der Amerikanischen Universätit in Beirut betrifft. Ich finde mich einem bunten Reigen arabischer Kleider und Gewänder gegenüber, um daraufhin Lotti diplomatisch zu erklären, dass sie möglicherweise nicht meinem Stil entsprechen. Schlussendlich landen wir bei einer Bluse, die in Kombination mit der Kleidung, die ich habe, zu funktionieren scheint. Auch Faouzi gibt sein OK. Frische Socken kann ich auch noch abstauben. Schön, wenn man sich über so einfache Dinge plötzlich so sehr freuen kann.

 

Wenige Stunden später befinde ich mich mit Kulturagentin Astrid und ihrem Ehemann Ghassan auf dem Weg nach Beirut. Die zwei erklären mir, welche Auswirkung die Entwicklung in Ägypten und Syrien auf den Libanon haben kann und wie sie die Lage in der arabischen Welt einschätzen. So sehr ich ihren Ausführungen folgen kann, so schwer fällt es mir später, eben diese wiederzugeben. Freiheit versus Unterdrückung, darum geht es im Kern; Gewalt versus Frieden. Betroffen macht mich, dass unter solch politischen Spannungen auch die Infrastruktur eines Landes zu leiden hat. Probleme mit Strom und Wasser erwähnt Astrid. Und tatsächlich erlebe auch ich einen kurzen Stromausfall, als ich abends an meinem Blog sitze.

 

Was ich an Astrid und Ghassan schätze ist, dass sie scheinbar furchtlos zwischen den kulturellen und religiösen Welten, die hier im Libanon aufeinandertreffen, wandeln. Woher sie wohl ihre Lebensfreude nehmen, frage ich mich. Und ihren Mut, ihr Leben trotz aller Widrigkeiten so zu leben, wie sie es für richtig halten.

 

Astrid erinnert sich, wie erfolgreich das Konzert gewesen sei, das Jens und ich seinerzeit in Tripoli gaben. Auch ich habe das Konzert noch in sehr guter Erinnerung. Diesmal spiele ich nicht dort, denn in Tripoli ist die Situation seit dem Bürgerkrieg in Syrien noch angespannter. Sie berichtet von Heckenschützen, die dort wahllos auf Menschen schießen. Da muss ich kurz schlucken. Aber noch bevor ich ernsteren Gedanken zu diesem Thema nachgehen kann, entzückt mich der Sonnenuntergang über Beirut und dem Mittelmeer.

 

Die Zeit vor meinem Konzert verbringen wir im muslimischen Teil von Beirut, in dem sich auch die amerikanische Universität befindet, in deren Konzertsaal ich heute Abend spiele. Hier bemüht man sich um Weltoffenheit, wie mir erklärt wird. Das trägt die auf mich bizarr wirkenden Früchte, dass es hier entlang des Ufers einen Weihnachtsmarkt gibt; und das, obwohl Weihnachten bekanntermaßen ein christliches Fest ist. Der Weihnachtsmarkt hält so manch Überraschung bereit, wie die Fotos zeigen. Bei diesen Temperaturen von um die 15 Grad will bei mir allerdings nicht so recht Weihnachtsstimmung aufkommen. In der Nähe ist plötzlich ein Knallen zu hören. Mit den Erzählungen von Astrid im Hinterkopf zucke ich kurz zusammen. "Nur ein Feuerwerk", sagt Ghassan zu mir, als er mir meine Irritation anmerkt.

 

Unser Auto parkt in der Nähe jener Stelle, an der der damalige Ministerpräsident Hariri 2005 in die Luft gesprengt wurde. Ghassan macht mich auf das zerstörte Haus aufmerksam, das sich seitdem in unverändert beschädigtem Zustand befindet. Ich lasse meinen Blick über den wunderschönen Saint George Bay und das Mittelmeer wandern und finde es schwer vorstellbar, dass so viel Schönes und so viel Bedrohliches so nah beieinander liegen können. 

 

An der Universität angekommen erwartet mich ein Steinway-Flügel und ein sehr netter Techniker namens Elie, der innerhalb kürzester Zeit einen angenehmen Sound zustandebringt. Und so bleibt genügend Zeit, mit den Türstehern und Verantwortlichen zu quatschen und Erinnerungsfotos zu schießen. Gegen 20 Uhr füllt sich der Saal - für einen Sonntagabend und die Vorweihnachtszeit sei dies ein sehr gut besuchtes Konzert, versichert man mir.

 

Tatsächlich spüre ich vom ersten Moment an, da ich die Bühne betrete, Wohlwollen und Wertschätzung. "Heute improvisiere ich nicht nur am Klavier, sondern auch mit meinem Bühnenoutfit", erkläre ich dem Publikum und fahre fort, dass mein Koffer noch auf sich warten lässt. Das Eis ist gebrochen, und ich erlebe einen Konzertabend mit Freunden. Unter den Konzertbesuchern erkenne ich gar manch Konzertbesucher vom letzten Mal wieder. Einer ist extra aus Tripoli angereist.

 

Die 75 Minuten Programm vergehen wie im Flug, und erst nach zwei Zugaben entlässt man mich in den Feierabend. Vorher lasse ich es mir jedoch nicht nehmen, von der Bühne aus einen Schnappschuss zu machen. Für meine Freunde in Deutschland, erkläre ich ihnen. Ihr wisst schon, Brückenbauen und so. Daraufhin gibt sich das Publikum ganz besonders viel Mühe und rückt sogar noch ein wenig enger zusammen.

 

Mit dem Fotosmachen geht es munter weiter, als das Konzert vorüber ist. Rührend, wieviele Menschen auf mich zukommen, um mir zu danken. Manch Kompliment macht mich so verlegen, dass ich es nicht wiedergeben und an dieser Stelle lieber dabei bewenden möchte, zu schreiben, dass es den Leuten offenbar sehr gut gefallen hat. Mission erfüllt. Die Leute hatten einen schönen Abend. Und ich natürlich auch.

 

Nach Konzerten bin ich zweierlei: müde und hungrig. Das ist auch heute so. Ob ich Lust auf eine Falafel habe, fragt mich Ghassan, als wir uns auf den Weg zum Auto machen. Den Abstecher über den Flughafen haben wir gestrichen. Noch keine Spur von meinem Koffer, und telefonisch erreichen wir am Flughafen auch niemanden. Ja, eine Falafel ist ein würdiger Abschluss dieses Tages und klingt wie kulinarische Musik in meinen Ohren.

Auf dem Weg von Kesrouan nach Beirut.
Auf dem Weg von Kesrouan nach Beirut.
Mitgenommene Häuser wie dieses sieht man oft. Schaut man genauer hin, entdeckt man häufig Einschusslöcher aus dem Bürgerkrieg.
Mitgenommene Häuser wie dieses sieht man oft. Schaut man genauer hin, entdeckt man häufig Einschusslöcher aus dem Bürgerkrieg.
Die Mohammed-al-Amin-Moschee im Herzen Beiruts.
Die Mohammed-al-Amin-Moschee im Herzen Beiruts.
Die Schäden an diesem Haus erinnern bis heute an den Bombenanschlag vom 14. Februar 2005.
Die Schäden an diesem Haus erinnern bis heute an den Bombenanschlag vom 14. Februar 2005.
Weihnachtsmarkt am Saint George Bay bei milden Temperaturen.
Weihnachtsmarkt am Saint George Bay bei milden Temperaturen.
Wer hätte das gedacht. Und sogar richtig geschrieben!
Wer hätte das gedacht. Und sogar richtig geschrieben!
Ein Riesenrad am Ufer. Steht auf meiner To-Do-Liste ganz weit oben.
Ein Riesenrad am Ufer. Steht auf meiner To-Do-Liste ganz weit oben.
Mit Falafel anstoßen geht auch. Cheers!
Mit Falafel anstoßen geht auch. Cheers!

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