Der ganz große Traum

 

 

In der Nacht von Sonntag auf Montag schlafe ich schlecht. Oder sagen wir eher: kurz. Zu verdanken habe ich das drei Mücken, von denen ich zwei relativ schnell...in das nächste Leben befördere. Mücke Nummer drei indes stellt sich als klug und flink heraus. Bis in die frühen Morgenstunden hält sie mich auf Zack. Als ich sie irgendwann endlich erwische (den vielen Stichen auf meinen Armen nach stirbt sie immerhin satt), ist offensichtlich schon der Morgen im Anmarsch, denn das Mückensummen wird postwendend abgelöst von dem Krähen eines Hahns in der Nachbarschaft. Irgendwann gelingt es mir, doch noch einzuschlafen. Allzu ausgeschlafen fühle ich mich allerdings nicht, als es irgendwann an der Zeit ist, aufzustehen. Tag Nummer zwei in Abenteuerland Libanon.

 

Auf dem Programm steht Kultur, allerdings befinde ich mich heute in der glücklichen Lage, sie nicht machen, sondern konsumieren zu dürfen. Die Heilig-Geist-Universität in Jounieh zeigt heute in Kooperation mit dem deutschen Kulturverein den Film "Der ganz große Traum" (angekündigt auf dem Plakat mit "Der Ganz Broße Traum"). Abgefahren, dass ich fernab der Heimat einen Film über die Anfänge des Fußballs in Deutschland zu sehen bekomme. Umringt von Schülern der deutschen Schule und Studenten der Uni schließe ich manch Bildungslücke, die ich ganz offensichtlich zu diesem Thema hatte und erfreue mich an der Anteilnahme, mit der die jungen Leute um mich herum den Film verfolgen. Besonders amüsiert mich der Applaus, der im ganzen Saal zu hören ist, als gegen Ende des Films ein Fußballspiel stattfindet, bei dem es um alles geht. Da wird doch tatsächlich nach jedem Tor applaudiert. Herzerfrischend.

 

Astrid schlägt vor, dass wir gemeinsam mit den Schülern von der Uni zur deutschen Schule fahren. Kaum in den Bus gestiegen, wird mir schnell klar: Es mag viele Unterschiede zwischen der deutschen und der libanesischen Kultur geben, aber Teenager sind Teenager. Im Bus geht es laut und pubertierend zu, und das in einer Intensität, dass ich heilfroh bin, als wir endlich an der Schule ankommen. Die deutsche Schule grenzt an das deutsche Kulturzentrum, in dem ich am Mittwoch auftreten werde, und so verbinden wir unsere Visite mit meinem Soundcheck. Der jedoch kollidiert mit einer Theaterprobe, die gerade in derselben Aula stattfindet. Kurzerhand legen der zuständige Lehrer und seine Schüler eine Pause für mich ein und begutachten mich während des Checks. Ich nutze die Gelegenheit, sie alle herzlich zu meinem Konzert einzuladen und verspreche ihnen, dass ich mir für sie besonders viel Mühe geben werde. Die Offenherzigkeit, die mir auch hier entgegengebracht wird, haut mich - mal wieder - um. Das trifft im Übrigen auf alle meine Begegnungen zu, die ich mache, während ich mit Astrid durch die Schule, in der sich auch ihr Büro befindet, tigere. Hier schenkt man mir Kekse und Bonbons, dort macht man mir Kaffee.

 

Nach kurzem Aufenthalt in der Schule und anschließend im Zuhause von Astrids Familie geht es gegen Abend zu einem Konzert, das im "Palais Unesco" anlässlich des 21.-jährigen Jubiläums der Unabhängigkeit Kasachstans stattfindet. Als besonderer Star wird Pianistin Jania Aubakirova angekündigt, eine zugegebenermaßen sehr beeindruckende Pianistin, die mit Stücken von Chopin & Co. die Herzen erobert, als sie nach dem ersten Drittel des Programms die Bühne betritt. Mich begeistern allerdings vor allem die Musiker gleich zu Beginn. Die Internetverbindung in meinem Zimmer reicht nicht aus, um die VIdeos, die ich während des Konzertes mache, später für meinen Blog hochzuladen. Dafür werde ich auf Youtube fündig und kann an dieser Stelle einen ähnlichen Konzertmitschnitt einbinden:

Dass ein Ranghoher zu Beginn des Konzertes davon spricht, dass es die Kultur sei, die alle Nationen miteinander verbindet, passt zu meinem heutigen Tag: Ich darf auf libanesischem Boden nicht nur dem deutschen Fußball und seiner britischen Historie begegnen, sondern eben auch Kasachstan - einem Land, von dem ich offengestanden bis heute so ziemlich gar nichts wusste. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich nicht, dass ich später auch noch mit der arabischen Kultur Bekanntschaft machen werde - also mehr als bislang, meine ich.

 

Die kasachstanische Musik verzaubert mich, und ich entscheide mich dafür, mich an der Demut und Anmut der aufführenden Musiker auf der Bühne zu erfreuen, anstatt mich über die Respektlosigkeit des Publikums zu ärgern - klingelnde Handys, schreiende Kinder und störende Fotografen inklusive. Andere Länder, andere Sitten.

 

Auf dem Heimweg fahren wir am Hard Rock Café von Beirut vorbei. Auf dessen Außenwand steht gleich neben dem Eingang geschrieben: "THE TIME WILL COME WHEN YOU SEE WE ARE ALL ONE." Ein Zitat der Beatles. Da ist er, der ganz große Traum, den der Libanon träumt.

 

Das ist es, was mich hier so fasziniert und zeitweise auch betroffen macht: Dieser tiefe Spalt zwischen den Religionen und die ebenso tiefe, wenn nicht sogar noch tiefere Sehnsucht der Menschen, eben diesen Spalt zu schließen. Astrid und ich sind uns in dem darauffolgenden Gespräch einig, dass es nicht die Religionen sind, die die Probleme verursachen, sondern die Art und Weise, wie sie für bestimmte Machtinteressen instrumentalisiert werden. Bei der Gelegenheit macht mich Astrid auf einen syrischen Mercedes aufmerksam, der auf der Spur neben uns fährt. Die reichen Syrier hätten sich längst in andere Länder, wie beispielsweise den Libanon, abgesetzt. Syrische Kennzeichen sähe man in der letzten Zeit immer häufiger, erzählt sie mir. Und wieder sprechen wir über die Situation in der arabischen Welt und das bevorstehende Referendum in Ägypten. Wir sind gespannt, was dort als nächstes passiert - so viel, aber eben auch nicht mehr, ist sicher.

 

Zu Hause angekommen, lädt mich Lotti ein, mich der Gesellschaft beim Abendessen anzuschließen, als da wären Lotti, Faouzi und ihr Gast Elias. Elias, so stellt sich heraus, ist nicht nur praktizierender Musiker, sondern auch der jüngere Bruder des legendären Singers Wadih El Safi, der laut Wikipedia "Die Stimme des Libanon" ist. Mit seinen 91 Jahren gilt er längst als Legende.

Wie so oft, wenn hier Menschen beieinander sitzen, nimmt das politische Gespräch bald seinen Lauf. Die Drei sind so höflich, in meiner Gegenwart Englisch zu sprechen. bzw. sie bemühen sich darum. Elias wendet sich mir zu und wiederholt: "Culture...music...is nice, but politics...just nasty...just nasty." Je emotionaler der Austausch am Tisch, desto weniger verstehe ich. Das liegt auch daran, dass man zwischendurch auf Französisch und Arabisch umsteigt. Ich genieße derweil mein Essen und beobachte aufmerksam die Geschehnisse am Tisch. Zwischendurch schleiche ich in die Küche, um den Bedienstete zu sagen, wie fantastisch alles schmeckt und dass ich den Dessert leider aufgrund meiner Mandel-Allergie nicht essen kann. Die Mädels lieben es, wenn ich sie in der Küche besuchen komme - das meine ich ihrem Strahlen jedenfalls anzumerken.

 

An den Tisch zurückgekehrt ist es bald darauf wieder Elias, der sich mir zuwendet. Diesmal fragt er mich nach meiner Musik, und ich erzähle ihm in möglichst deutlichem Englisch, was mich als Musikerin an- und umtreibt. Wenige Augenblicke später finden wir uns am Flügel in dem an das Esszimmer grenzenden Musikzimmer wieder.

 

Elias spielt und singt mir auf eigenen Wunsch eines der Lieder vor, das seinen Bruder vor vielen Jahren berühmt gemacht hat und bis heute als eines der Volkslieder im Libanon gilt. Auf Youtube werde ich später nicht fündig. Umso erfreulicher, dass mir Elias zugesagt hat, mir die Noten und den Text zukommen zu lassen. Vielleicht möchte ich den Song ja für eines meiner nächsten Konzerte einstudieren, regt er an. Es sei einerseits ein patriotisches Lied, andererseits aber auch ein Lied, in dem jeder willkommen geheißen wird. Ich fühle mich geehrt und versichere ihm, dass ich mich sehr gerne darauf einlasse. Was Elias nicht weiß ist, dass Astrids Ehemann Ghassan mir bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren vergeblich im Auto einen arabischen Song beizubringen versucht hat. Weder Melodie, noch Text bekam ich seinerzeit auf die Kette. Einfach eine komplett andere musikalische Welt, die sich mir so gar nicht erschloss. Elias Aufforderung verstehe ich als eine ganz neue Motivation, es zumindest nocheinmal zu probieren. Vorerst darf ich jedoch eines meiner eigenen Lieder zum Besten geben. Ich entschiede mich für "Das Leben ist nur ein Traum", da es einen englischen, wie auch einen deutschen Text enthält und zu Beginn des Liedes sogar ein wenig arabisch anmutet. Erst später fällt mir auf, dass er da wieder war - der Traum. Elias lauscht andächtig meinem Vortrag und kommentiert diesen mit arabischen Aussagen, die in meinen Ohren wie Zustimmung klingen. Als der letzte Ton erklingt, bringt Elias seine tiefe Wertschätzung und seine Vorfreude auf mein Konzert zum Ausdruck. Musik ist dazu da, um die Herzen zu berühren, sind wir uns einig. Während daraufhin ein tiefgreifendes Gespräch über Kultur und deren Wandel zwischen Lotti und mir in Gang kommt, verabschieden sich Elias und Faouzi. Der eine geht nach Hause, der andere ins Bett.

 

Letzteres beschließen auch Lotti und ich irgendwann zu tun. Zurück in meinem Zimmer, packe ich meinen Koffer aus, der heute endlich angekommen ist. Wie um alles in der Welt soll ich all diese Eindrücke beschreiben?, frage ich mich währenddessen. Und interessieren die überhaupt jemanden?

 

Als ich den Computer anschmeiße (die weitestgehend internetfreien Tage bedingt durch teures Roaming scheinen mir gut zu tun), freue ich mich über die Resonanz zu meinen Fotos und Erzählungen, die mich über Facebook und per Email erreicht. Ok, ok, ein bisschen schreiben kann ich ja. Bei prassendem Regen draußen und instabiler Internetverbindung drinnen tippe ich drauf los, bis ich irgendwann Sorge bekomme, dass der Hahn mir bei meinen Einschlafabsichten einen Strich durch die Rechnung machen könnte.

 

Wenn es auch nicht "Der ganz große Traum" sein sollte, der mich heute Nacht erwartet, so freue ich mich doch darauf, ein wenig auszuruhen.

 

"Der Ganz Broße Traum"
"Der Ganz Broße Traum"
Film ab.
Film ab.
Die Heilig-Geist-Universtität in Jounieh.
Teeanager sind Teenager, egal wo.
Teeanager sind Teenager, egal wo.
Kenn ich.
Kenn ich.
Fleißiges Bienchen Astrid...
Fleißiges Bienchen Astrid...
...und ihre zuckersüßen Kinder.
...und ihre zuckersüßen Kinder.
Der "Palais Unesco".
Der "Palais Unesco".
Bezaubernde Musik aus Kasachstan.
Bezaubernde Musik aus Kasachstan.
Das Hard Rock Café Beirut...
Das Hard Rock Café Beirut...
...mit verblüffenden Weisheiten.
...mit verblüffenden Weisheiten.
Ja, es war lecker.
Ja, es war lecker.
Elias spielt für mich ein libanesisches Volkslied.
Elias spielt für mich ein libanesisches Volkslied.
Ein Blick aus dem Fenster bei Nacht.
Ein Blick aus dem Fenster bei Nacht.
Lost and Found: Mein Koffer ist endlich da.
Lost and Found: Mein Koffer ist endlich da.

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Kommentare: 1
  • #1

    ein Fan (Dienstag, 11 Dezember 2012 07:49)

    vielen Dank für die tollen Impressionen! Sehr beeindruckend.