Leerlauf - oder auch nicht

Für den heutigen Tag habe ich mir bis auf ein Konzert, das ich am Abend in Beirut besuchen werde, nichts vorgenommen. Ausschlafen, ein paar Emails erledigen, joggen, im hauseigenen Swimmingpool ein paar Runden drehen,...das ist der Plan. Leerlauf quasi. Für das Konzert morgen Abend im Kulturzentrum in Jounieh will ich fit sein. Aber es kommt ein wenig anders.

 

Den Vormittag verbringe ich auf meinem Zimmer. Als ich gegen Mittag in meine Jogging-Klamotten schlüpfe und nach unten gehe, platze ich regelrecht in einen Empfang hinein. Der hiesige Bischof ist zum Essen zu Gast und außer ihm noch einige andere Herrschaften. Offensichtlich wusste man nicht, wo ich bin oder wollte mich nicht stören, um mir von dem kurzfristigen Besuch zu berichten. So kann's gehen in einem riesigen und belebten Haus wie diesem. Faouzi lädt mich ein, mich der Gesellschaft anzuschließen. Ich gucke an mir herunter und sage zu ihm: "Gerne, aber ich ziehe mich vorher um." Nichts gegen mein "I love my life"-T-Shirt, aber für diesen Anlass ist vielleicht doch eine Bluse die passendere Wahl. Er schmunzelt und nickt.

 

Wenige Minuten später finde ich mich im Kreise der hauptsächlich männlichen und arabisch sprechenden Gesellschaft wieder. Lotti und Faouzi stellen mich stolz (so scheint mir) ihren Gästen vor. Allzu viel von dem, was sie sagen, verstehe ich nicht. Ich lächle, nicke, und erhebe mein Glas, wann auch immer es die anderen tun. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich hier in einen ziemlich elitären Kreis geraten bin. Irgendwie bin ich fast froh, dass ich kaum ein Wort verstehe. So kann ich die Eindrücke ganz anders auf mich wirken lassen und muss erst gar nicht versuchen, mitzureden. Ich bin ja auch nicht als Journalistin hier, sondern als Musikerin.

 

Und als eben diese darf ich kurze Zeit später der Gesellschaft eine Kostprobe meines Schaffens geben. Man hört aufmerksam zu und klatscht begeistert. Musik ist eben eine Sprache, mit der man sich immer verständigen kann. Aus Höflichkeit und Respekt vor der Gesellschaft entscheide ich mich während des Beisammenseins für Schnappschüsse, auf denen die Privatsspähre der einzelnen Gäste gewahrt bleibt. Ich will hier niemandem auf die Füße treten oder taktlos sein.

 

Als sich die Gesellschaft auflöst, schenkt Lotti dem Bischof zum Abschied meine Instrumental-CD "Auf dem Seil" und übersetzt für ihn den Titel. Wir machen ihm beide vor, wie das aussieht, wenn man auf dem Seil balanciert. Das gefällt ihm, glaube ich. Er macht überhaupt einen sehr netten und warmherzigen Eindruck. Lotti und ich unterhalten uns über die Rolle des Christentumgs und Islams im vorderen Orient. Wenn ich das richtig verstehe, dann muss man sich hierzulande für eine der "beiden Seiten" entscheiden. Man kann also nicht nicht religiös sein. Ist man "gegen" den Islam, so ist man automatisch Christ und anders herum. Ist man für die Gleichstellung der Frau beispielsweise, so klärt sich damit automatische die religiöse Seite, auf der man steht. Allein, das so zu schreiben, kommt mir schon befremdlich vor. Bei solchen Themen wird mir immer ein wenig schwindlig, stelle ich fest. Je mehr ich darüber höre, desto weniger scheine ich eine Ahnung oder Meinung zu haben. Ob in puncto Religion oder Kultur, mir scheint es so, als ginge es bei den Gesprächen hier immer um den Konflikt, der entsteht, wenn Veränderungen anstehen oder stattfinden; wenn Alt auf Neu trifft; Tradition auf Innovation; oder eben einfach Dinge, die von Grund auf unterschiedlich sind. Je länger ich hier bin, desto klarer wird mir, wie wichtig Toleranz und Freiheit sind, ganz gleich, wo man lebt und welcher Religion man angehört.

 

Als ich kurze Zeit später meinen zweiten Versuch starte, joggen zu gehen, muss ich nach 20 Minuten aufgrund des prassenden Regens abbrechen. So komme ich doch noch zu dem geplanten Leerlauf, haha. Wo ich einmal nass bin, entscheide ich mich für den Swimmingpool. Das Abtauchen tut gut, während ich irgendwo zwischen Urlaubsgefühlen und politischen/kulturellen Eindrücken schwimme.

 

Auf dem Weg zum Konzert in der "St Elie Kantari", einer modernen und wie ich finde sehr schönen Kirche im Zentrum Beiruts, macht mich Astrids Ehemann Ghassan auf einen schwerst beladenen Van vor uns aufmerksam. Von meinen Reisen nach Ghana und Indien kenne ich Anblicke wie diesen; so voll beladen habe ich allerdings noch kein Fahrzeug gesehen. Das sei eine syrische Familie, erklärt er mir. Als wir später an dem Wagen vorbeiziehen, traue ich mich kaum, rüberzugucken, so betroffen macht mich die Flucht dieser Familie.

 

Das Konzert des "Beirut Chants Orchestra" ist eine willkommene Gelegenheit, zu entspannen. Bei Mozart, Verdi und Rossini schließe ich die Augen und gehe meinen Gedanken nach. In der zweiten Hälfte begebe ich mich auf die Empore, um von dort ein paar Schnappschüsse zu machen. Besonders amüsiert mich der zweite Trompeter, der sich aufgrund seiner wenigen Einsätze offenbar so sehr langweilt, dass er sich mit seinem Handy beschäftigt. Imposant ist vor allem der Abschluss des Konzertes: "Adeste Fideles", in Deutschland bekannt als "Nun freut euch, ihr Christen". Das Internet scheint heute etwas besser in Form zu sein, deswegen gelingt mir sogar der folgende Upload eines Handy-Mitschnitts:

Auf dem Heimweg nehmen wir drei der Orchester-Musiker mit, mit denen Astrid und Ghassan bekannt sind. Aus Platzgründen muss einer von uns in den Kofferraum steigen. Ich bestehe darauf, das zu übernehmen und nutze die ungewohnte Perspektive, um die Fahrt zu filmen. Nachdem wir die drei abgesetzt haben, gönnen wir uns eine Falafel. Ich liebe die Dinger.

 

Wir kommen im Auto auf arabische Musik zu sprechen. Astrid und Ghassan ermutigen mich, mich mehr mit der arabischen Musik zu befassen und arabische Songs in mein Bühnen-Programm aufzunehmen. Sie schwärmen mir von Sängerin Fairouz vor. Ihr Titel "Bhebbak Ya Lebnan" war es, den Ghassan mir vor zwei Jahren vergeblich beizubringen versucht hat. Wer sich den Song mit europäischen Ohren anhört, wird ahnen, warum vergeblich:

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, und ich bin gewillt, mich auf das Experiment einzulassen. Ich verspreche den beiden, mir noch am selben Abend Musik von Fairouz im Internet zu besorgen. Bei meiner Recherche stoße ich später auf ein Album auf Amazon mit dem Titel "Fairuz Sings Christmas (Christmas Carols from East and West)". Beim Reinhören bin ich nicht nur amüsiert, sondern auch sicher, dass dies der perfekte Einstieg für mich und eine ebenso passende Empfehlung zur Weihnachtszeit für meine Freunde in der deutschen Heimat ist.

 

Außerdem erreicht mich die freundliche Nachricht von Samir, der am Sonntag bei meinem Konzert an der AUB war. Er selbst spielt Oud und löst mit der Nachricht sein Versprechen ein, mir ein Video von sich zu schicken:

Mit arabischer Musik im Ohr geht's in Richtung Bett. Ein unerwartet ereignisreicher Tag 3 im Libanon geht zur Neige. Von wegen Leerlauf.

Blck vom Flur ins Wohnzimmer. Die Gäste nehmen vor dem Mittagessen einen Drink zu sich.
Blck vom Flur ins Wohnzimmer. Die Gäste nehmen vor dem Mittagessen einen Drink zu sich.
Die Gesellschaft zu Tisch.
Die Gesellschaft zu Tisch.
Für mich Premiere: weißer Kaffee. Enthält Rosenwasser und schmeckt wie Parfüm. Soll die Verdauung anregen.
Für mich Premiere: weißer Kaffee. Enthält Rosenwasser und schmeckt wie Parfüm. Soll die Verdauung anregen.
Schön anzusehen, aber zum Joggen leider viel zu nass.
Schön anzusehen, aber zum Joggen leider viel zu nass.
Ein schwerst beladenes syrisches Auto.
Ein schwerst beladenes syrisches Auto.
Erstaunlich gute, da nicht allzu hallige Akustik in der "St Elie Kantari".
Erstaunlich gute, da nicht allzu hallige Akustik in der "St Elie Kantari".
Wunderbarer Blick von der Empore.
Wunderbarer Blick von der Empore.
Trompeter Nr. 2 beschäftigt sich, während die anderen spielen.
Trompeter Nr. 2 beschäftigt sich, während die anderen spielen.
Blick durch's Geländer dem Licht entgegen.
Blick durch's Geländer dem Licht entgegen.
Eine kaputte Krippen-Kuh in einem Karton auf der Empore der Kirche.
Eine kaputte Krippen-Kuh in einem Karton auf der Empore der Kirche.
Gar nicht so unbequem, die Fahrt im Kofferraum.
Gar nicht so unbequem, die Fahrt im Kofferraum.
What's Up? 7 up!
What's Up? 7 up!

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