Kontraste

Quelle: Google Maps
Quelle: Google Maps

Wir (das sind Astrid, Ghassan und ich) sind heute schon um 8 Uhr morgens auf dem Weg nach Baalbek zu den "gewaltigen Tempelanlagen", wie sie auf Wikipedia genannt werden. Gewaltig sind sie wahrlich, wie ich herausfinden werde.

 

Von Gewalt geprägt ist auch die Gegend, in der wir heute unterwegs sind. Das erschließt sich mir allerdings erst nach und nach. Als mein Schlagzeuger Jens und ich vor zwei Jahren den Libanon besuchten, konnte ich an dem damaligen Ausflug nach Baalbek aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Jens hat mir vor meiner Abreise in der letzten Woche ans Herz gelegt, die Gelegenheit, die Tempelanlagen zu besichtigen, auf jeden Fall wahrzunehmen, falls sie sich ergibt.

 

Dass sich die Sicherheitslage dieser Gegend in den letzten zwei Jahren allerdings deutlich verschlechtert hat, wird mir erst klar, als wir schon fast dort sind. Mag peinlich sein, aber mir war einfach nicht klar, wie nah Baalbek sich an der Grenze zu Syrien befindet. Ghassan spricht davon, dass ich nun meinen Freunden in Deutschland erzählen kann, ich sei im gefährlichsten Gebiet des Libanons unterwegs gewesen - als hätte ich es darauf angelegt. Tatsächlich aber relativiert er dieses Aussage schon im nächsten Satz und versichert mir, dass wir sicher seien und nichts zu befürchten hätten. Ghassan ist General und heute in seiner Uniform unterwegs, weil er berufliche Dinge in Baalbek zu erledigen hat. Daher auch die Idee mit dem Ausflug. Ich fühle mich zu jedem Zeitpunkt sicher, das möchte ich an dieser Stelle betonen. Und das auch, nachdem mir erklärt wird, dass wir uns auf dem Gebiet der Hisbollah befinden. Es ist offensichtlich, dass Ghassan weiß, was er tut. Er genießt mein vollstes Vertrauen.

 

Während in den deutschen Medien das Ende des Assad-Regimes angekündigt wird, sichte ich hier inmitten der Stadt ein großes Plakat mit seinem Gesicht und dem des Chefs der Hisbollah darauf. Einen Moment lang stutze ich. Aber offengestanden ist all dies auf eine Weise auch völlig unspektakulär, denn ob man sich das in Europa und andernorts nun vorstellen kann oder nicht - es gibt auch hier eine gewisse Normalität. Die Sonne scheint, Handy-Läden preisen in ihren Schaufenstern iPhones und Android-Smartphones an, Autofahrer ärgern sich über den stockenden Verkehr,...

 

...was nicht normal ist, so lasse ich mir sagen, sind die Kinder und Jugendlichen, die sich zu dieser Tageszeit auf der Straße, anstatt in der Schule, aufhalten. Es handelt sich bei ihnen um syrische Flüchtlinge. Und von eben diesen gibt es in diesem Landstrich eine ganze Menge. Geschätzte 200000, wenn ich mich recht erinnere. Da die Grenze zwischen dem Libanon und Syrien sich über eine Länge von 300 km erstreckt, ist es schwer für den Libanon, dem Flüchtlingsstrom Einhalt zu gebieten oder ihn irgendwie zu kontrollieren - sehr zur Belastung der libanesischen Bevölkerung. Jedes dritte Auto, das uns in dieser Gegend begegnet, trägt ein syrisches Nummernschild, zählen Astrid und ich auf der Straße, die Syrien und den Libanon miteinander verbindet.

 

Die politischen Umstände rücken jedoch in den Hintergrund, als wir die Tempelanlagen erreichen. Während Astrid und Ghassan sich um ihre Erledigungen kümmern, mache ich eine eineinhalbstündige Tour mit dem quirrligen Führer Fahmi, der sich mir beim Betreten der Anlage anbietet. Er hat während des Bürgerkrieges für fünf Jahre in der Schweiz gelebt und spricht Deutsch. Er macht auf mich spontan einen sehr netten und ehrlichen Eindruck, und dieser Eindruck wird sich in den nächsten 90 Minuten bestätigen. Die 20 Dollar sind gut investiertes Geld. Die Tempelanlagen sind wirklich gewaltig und wunderschön, und am meisten hat man von ihnen, wenn jemand sie einem so enthusiastisch erklärt wie Fahmi. Fahmi weiß außerdem um die besonders wirksamen Fotomotive und verhilft mir zu ein paar sehr schönen Urlaubsfotos.

Sicher unterwegs.
Sicher unterwegs.
Postkarten-Motive ohne Ende.
Postkarten-Motive ohne Ende.
Frühstück auf dem Weg: "Gischig" (Schreibweise?) und Tee.
Frühstück auf dem Weg: "Gischig" (Schreibweise?) und Tee.
Hier wird deutlich, auf wessen Gebiet man sich in Baalbek befindet: Hisbollah-Chef Nasrallah und Noch-Staatspräsident Syriens Assad auf einem großen Plakat.
Hier wird deutlich, auf wessen Gebiet man sich in Baalbek befindet: Hisbollah-Chef Nasrallah und Noch-Staatspräsident Syriens Assad auf einem großen Plakat.
Gewaltige Tempelanlagen in Baalbek.
Gewaltige Tempelanlagen in Baalbek.

Ein wenig bedrückend ist es schon, dass ich über weite Strecken die einzige Touristin weit und breit bin, aber mir bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn Fahmi hält mich mit seinen Erzählungen und Erläuterungen auf Zack, stets begleitet von einem forschenden "Gut?", wenn er sichergehen möchte, dass ich ihm noch folge.

Fahmi freut sich über die Gelegenheit, mal wieder Deutsch zu sprechen, und so belässt er es nicht bei den historischen Informationen rund um die Tempelanlagen, sondern sucht auch das eher persönliche Gespräch mit mir. Das ist ok. Was ich hier im Libanon lerne ist, den Menschen möglichst unvoreingenommen zu begegnen.

 

Beispiel: Die Aufpasser der Anlage, die an verschiedenen Stellen positioniert sind, wirken auf mich zunächst unsympathisch, und ich unterstelle ihnen, dass sie möglicherweise aus religiösen Gründen keinen Respekt vor mir als Frau haben. Als ich es dann aber einfach mal mit einem Lächeln probiere, stelle ich fest, dass das regelrecht eine Tür aufstößt. Zurück kommen ganz viel Herzlichkeit und Gesten des Willkommenheißens im Libanon. Das geht sogar so weit, dass einer der Aufpasser mir was von seinem Tee abgibt, den ich daraufhin auf der Treppe in der Sonne schlürfe, während Fahmi eine Zigarettenpause einlegt. Sicher, die Aufpasser hier sind auf Tourismus eingestellt und möglicherweise um einiges toleranter als andere Männer in dieser Gegend. Dennoch, der Eindruck bleibt, dass das große Wort Völkerverständigung oder Frieden mit den kleinen Gesten zwischen zwei Menschen beginnt.

 

Übrigens, der Moment mit dem Tee auf der Treppe ist einer der Momente, in denen ich mich entscheide, mein iPhone steckenzulassen und kein Foto zu machen, sondern einfach nur zu genießen.

 

Dennoch stellt sich mein iPhone auch heute wieder als probates Werkzeug heraus, mit Menschen in Kontakt zu treten, indem ich sie anspreche und frage, ob ich ein Foto machen darf.

 

Die wundervolle Verkäuferin im Souvenir-Laden in Byblos beispielsweise strahlt über beide Ohren, als ich sie auf ihren schönen "Brillenschmuck" anspreche und frage, ob ich sie fotografieren darf.

 

Byblos befindet sich knappe 20 km entfernt von Jounieh und ist das Ziel unserer Rückreise. Das von Lotti gegründetet Barock-Ensemble spielt dort heute Abend in der "Cathedral St. Jean Marc".

 

Die freie Zeit, die mir zwischen unserer Ankunft in Byblos und dem Konzertbeginn bleibt, nutze ich neben Souvenir-Shopping auch noch für eine Kugel Schokoladeneis und einen Cappuccino in einem kleinen, sehr gemütlichen Restaurant. Meine Hoffnung bewahrheitet sich, dass dies der erste ordentliche Kaffee seit meiner Ankunft ist.

 

Und da ist es, das Urlaubsgefühl; und das trotz all der Eindrücke aus Baalbek.

 

Im Restaurant komme ich ins Gespräch mit Maha, von der ich erfahre, dass sie viele Jahre in Neuseeland gelebt hat und nun in den Libanon zurückgekehrt ist, weil sie es hier so wunderschön findet. Wir geraten ins Schwärmen über die Schönheit dieses Landes und die Freundlichkeit der Menschen. Sie stehen im Kontrast zu der Art und Weise, wie der Libanon von außen wahrgenommen oder dargestellt wird, da sind wir uns einig.

 

Kontrastreich ist auch das Programm, das das Barock-Ensemble später zu bieten hat. Lotti mittendrin zu erleben ist einfach eine Freude. Und genau mit dieser Freude geht es zu Hause in Jounieh weiter, als Lotti, Faouzi und ich ein spätes Abendessen zu uns nehmen. Faouzi hat mir gestern nach meinem Konzert versprochen, auch mal für mich zu singen. An das Versprechen erinnert, legt er los und gibt ein französisches Lied nach dem anderen zum Besten. Lotti stimmt ein. Ein solches Konzert hat es hier offenbar noch nicht gegeben, denn schon bald stoßen die Dienstmädchen erstaunt dazu und haben mindestens genau so viel Spaß an dem, was uns da geboten wird, wie ich.

 

Ehe Faouzi ins Bett geht, gibt er mir eine Hausaufgabe auf. Ich möge doch bitte "Bei mir bist du schön" einstudieren. Er kennt den Song nur flüchtig und hat ihn vor vielen Jahren einmal im Radio gehört. Meine Aufgabe ist es nun, den Song im Internet ausfindig zu machen und ihn dann in den nächsten Tagen für ihn vorzutragen. Ja mache ich, versprochen. Fündig werde ich auf jeden Fall, nachdem ich in mein Zimmer zurückkehre:

"Bei mir bist du schön"...das heißt wohl so viel wie "Für mich bist du schön".

 

Das wiederum trifft heute für mich zum erneuten Male auf den Libanon zu, so kontrastreich dieses Land auch ist und so konstrastreich auch meine heutigen Eindrücke sind.

Führer Fahmi.
Führer Fahmi.
Freundliche Aufseher.
Freundliche Aufseher.
Quatschkopf, ich weiß.
Quatschkopf, ich weiß.
Keine Photo-Montage. Diesmals war's Fahmis Idee.
Keine Photo-Montage. Diesmals war's Fahmis Idee.
Eine imposante Moschee auf dem Heimweg.
Eine imposante Moschee auf dem Heimweg.
Frisch gewickeltes Mittagessen.
Frisch gewickeltes Mittagessen.
Souvenir-Shopping in Byblos.
Souvenir-Shopping in Byblos.
Das Konzertplakat, das mir beim Souvenirbummel begegnet (rechts), kommt mir bekannt vor.
Das Konzertplakat, das mir beim Souvenirbummel begegnet (rechts), kommt mir bekannt vor.
Eine liebevolle Verkäuferin.
Eine liebevolle Verkäuferin.
Das erste ordentliche Kaffee-Getränk seit meiner Ankunft.
Das erste ordentliche Kaffee-Getränk seit meiner Ankunft.
Am Abend des Konzert von Lottis Barock-Ensemble.
Am Abend des Konzert von Lottis Barock-Ensemble.


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