Der letzte Tag

Es bleibt heute kaum Zeit, darüber nachzudenken, dass mein letzter Tag angebrochen ist, denn schon um 9:30 Uhr werde ich abgeholt, um in der Aula der deutschen Schule ein Konzert zu geben - für eine Rasselbande, wie sich herausstellen wird: um die 150 Schüler zwischen 7 und 12, die meine Musik ganz offensichtlich gerne hören, allerdings so ihre liebe Mühe damit haben, dabei stillzusitzen. Dies wird am Ende eines der anstrengendsten Konzerte sein, die ich je gegeben habe, was ich unter anderem daran festmachen kann, dass ich nass geschwitzt von der Bühne gehe. Es kostet mich eine Menge Anstrengung und Konzentration, die Aufmerksamkeit der Kinder immer wieder einzufangen. Nichtsdestotrotz ist dies ein Konzert mit Highlights. Als die Kinder bei "Thankful for the Sunshine" geradezu mitbrüllen, beispielsweise. Oder die andächtige Stille und das gedämmte Licht, als ich sie bei "Life is But a Dream" einlade, die Augen zu schießen und zu träumen.

 

Außerdem freue ich mich über den Besuch von Dr. Gene Aitken, den ich vor ein paar Tagen bei einem Big Band Konzert, bei dem er dirgierte, kennengelernt und daraufhin eingeladen habe, heute vorbeizukommen. Im Publikum entdecke ich zeitweise auch Lotti, die den neuen Direktor des hiesigen Goethe-Instituts in der Schule herumführt und mir nach meinem Konzert vorstellt.

 

Nach einem kurzen, netten Plausch mit Gene und einem interessanten Austausch mit Lotti und ihrem Besuch mache ich mich auf den Weg in Richtung Beirut. Ich möchte dort einem Freund von deutschen Freunden von mir einen Besuch abstatten - ein Herrenausstatter auf der wunderschönen Hamra Street. Vorher gibt's ein letztes Mal Falafel. Oh wie ich sie vermissen werde! Bei Jihad im Laden angekommen wird mir schnell klar, warum meine Freunde aus Duisburg mir mit so viel Nachdruck empfohlen haben, ihn kennenzulernen. Er und seine Schwester sind sehr, sehr nette Leute. Nach einer netten Unterhaltung im Laden drehen Jihad und ich eine Runde auf der Hamra Street und unterhalten uns über die Schönheit des Libanons. In seinen Augen ist der Libanon mittlerweile viel stabiler, als ihm nachgesagt wird. Als im Oktober in Beirut eine Bombe hochging, wäre es früher so gewesen, dass darauf schwere Unruhen gefolgt wären. Allerdings kehrte schnell wieder Normalität ein - ein gutes Zeichen, so Jihad. Er schildert auch, dass die Leute ein normales Leben führen und sehr viel Spaß haben; nur wird das leider von außen so nicht wahrgenommen. Aber wer einmal im Libanon unterwegs ist, der kann gar nicht anders, als ihn zu lieben, sind wir uns einig. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und nach einer gemeinsamen Tasse Kaffee bzw. Tee geht's für mich auch schon weiter.

 

Ich bin noch mit Kholoud im Phoenicia Hotel verabredet. Im Café des Phoenicia Hotels erzählt sie mir von ihrem Engagement für wohltätige Zwecke und wie sie unlängst einem 12-jährigen syrischen Jungen, dessen Eltern beide im Krieg zu Tode gekommen sind, mit Kleidung und anderen Dingen ausgeholfen hat. Sie ist eine, die sich kümmert und einen Unterschied in der Welt macht. So mutig sie spricht, so liebevoll ist sie bei allem, was sie tut. Das beeindruckt mich, zumal ich aus ihren Erzählungen auch heraushöre, dass sie sich mit ihrem Engagement nicht nur Freunde macht und deswegen teilweise auf Personenschutz angewiesen ist. Wenn es nach mir ginge, könnte unser Gespräch noch bis in den späten Abend hinein fortgesetzt werden, nur warten meine ungepackten Koffer zu Hause auf mich. Nach einem kleinen Ständchen am Flügel im Café steige ich ins Taxi. Immerhin habe ich diesmal daran gedacht, noch einen Schnappschuss von uns beiden machen zu lassen.

 

Auf der Taxi-Fahrt nach Hause sortiere ich meine Gedanken und stimme mich auf meine Heimreise ein. Kaum zu glauben, dass ich gerade einmal 10 Tage unterwegs war. Gefühlt und den Eindrücken nach waren es mindestens 10 Wochen, wenn nicht sogar 10 Monate.

 

Zu Hause angekommen drehe ich mit Lotti ein paar Runden im Pool. Das tut nach den Anstrengungen dieses Tages gut. Dabei unterhalten Lotti und ich uns über das Kulturzentrum und Kultur im Allgemeinen. Den Austausch mit ihr zu diesen Themen emfpinde ich immer als besondere Bereicherung.

 

Es gibt zum krönenden Abschluss meines Aufenthaltes ein festliches Abendessen mit jeder Menge libanesischen Spezialitäten, die ich vielleicht noch mehr genießen würde, hätte mich Faouzi vor dem Essen nicht damit aufgezogen, dass ich während meines Aufenthaltes mit Sicherheit 8 kg zugenommen habe - so ergehe das hier allen, sagt er neckisch. Meine Gürtel bestätigen diese Vermutung nicht, halte ich dagegen. Und ganz ehrlich: Wenn's um das leckere Essen hier geht, halte ich es gerne mit Edith Piaf: "Je ne regrette rien."


Das gilt natürlich für meinen gesamten Aufenthalt hier im Libanon.

Bin ich froh, dass ich gekommen bin!

Bin ich dankbar für die vielen interessanten Begegnungen!

Bin ich dankbar dafür, dass alles so gut geklappt hat!

Bin ich dankbar für das viele Interesse, das mir aus Deutschland und der ganzen Welt per Facebook, per Email, per Skype und sogar per SMS zuteil wurde!

 

Als ich während des Kofferpackens per Skype mit einem Freund chatte, äußere ich ihm gegenüber meine Sorge, nach meiner Rückkehr einen Kulturschock zu erleiden. Die Libanesen sind hier alle so nett zu mir gewesen - wie wird die deutsche Mentalität wohl auf mich wirken? Daraufhin schreibt er: "Ach du machst dir Sorgen um die Kultur, dann warte erst mal ab, bis du das Klima siehst." Das sind noch echte Freunde.

 

Mein letzter Tag im Libanon, er geht zur Neige. In vielerlei Hinsicht aber fühlt sich dies nach einem Anfang an. Von was, das weiß ich noch nicht. Danke, Libanon. Du warst sehr großzügig zu mir.

 

Und so bleibt mir am Ende dieser Reise nur die Hoffnung, dass er mir gelungen ist - der Brückenschlag von Duissern in den Libanon, wie es die WAZ vor meiner Abreise formulierte; und die Hoffnung, dass mein Koffer auf der Heimreise nicht wieder verloren gehen wird.

 

Die Rasselbande beim Konzert. Ganz hinten sitzen Lotti, der Leiter des Goethe-Instituts von Beirut und Dr. Gene Aitken.
Die Rasselbande beim Konzert. Ganz hinten sitzen Lotti, der Leiter des Goethe-Instituts von Beirut und Dr. Gene Aitken.
Ein letztes Mal Falafel.
Ein letztes Mal Falafel.
Mit dem Taxi durch Beirut.
Mit dem Taxi durch Beirut.
Jihad und seine Schwester.
Jihad und seine Schwester.
Ein letztes Mal Beirut.
Ein letztes Mal Beirut.
Mützentausch mit Kholoud im Café des Phoenicia Hotels.
Mützentausch mit Kholoud im Café des Phoenicia Hotels.
Lotti schenkt mir zum Abschied eines ihrer Bilder.
Lotti schenkt mir zum Abschied eines ihrer Bilder.
Ein festliches Abendessen zum Abschied.
Ein festliches Abendessen zum Abschied.
Ein letztes Mal ein Blog-Eintrag von meinem Lieblingsplatz.
Ein letztes Mal ein Blog-Eintrag von meinem Lieblingsplatz.
All is well that ends well. Ank(e)unft in Düsseldorf nach einer reibungslosen Heimreise.
All is well that ends well. Ank(e)unft in Düsseldorf nach einer reibungslosen Heimreise.

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