Fee(d)tback mit nackten Füßen

Ich bin es mittlerweile gewohnt, mich auf gewisse Weise "nackig" zu machen, wenn ich auf die Bühne gehe oder Alben veröffentliche. Mit der Art von Musik, die ich komponiere, so scheint es, geht es eben nur so. Zugegeben, manchesmal ein schmaler Grat. Aber mein Bauchgefühl hat mich bisher noch jedes Mal gut beraten, und ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass wenn man seinem Publikum Vertrauen entgegenbringt, eine Menge zurückkommt: Wertschätzung, Verbindlichkeit, aber eben auch Vertrauen. Es gibt Momente, in denen dieses "Zurückkommen" besonders deutlich spürbar ist. Warum das Feedback dann zu "Feetback" wird und was mein "Nackigmachen" mit den nackten Füßen anderer zu tun hat, wird gleich verraten.

 

Was ich beruflich mache, ist jedenfalls nicht immer so greifbar und messbar wie das Schaffen eines Handwerkers, der beispielsweise etwas streicht, schnitzt oder repariert. Oft bekomme ich nur über Umwege, wenn überhaupt, mit, was meine Musik im Leben der Menschen bewirkt, was sie ihnen bedeutet. Ich erahne es bei Konzerten. Und manchesmal, wenn sich jemand die Mühe macht, mir zu schreiben, bekomme ich auch die Gewissheit. Die jedoch fällt selten so eindrucksvoll aus wie in diesem Falle.

Der Zeitpunkt von Ingos Email hätte besser nicht gewählt sein können. Ich stand kurz vor der Veröffentlichung meines zweiten Pianoalbums "Auf dem Seil", da erreichte mich sein literarischer Text über seine Erfahrungen mit meinem ersten Pianoalbum "Days of Music", dessen Veröffentlichung immerhin schon ein paar Jahre zurückliegt. Hätte ich noch eine Bestätigung dafür gebraucht, dass ein weiteres Pianoalbum aufzunehmen der richtige Schritt war, dies wäre eine gewesen, und zwar von der feinsten Sorte. Abgesehen davon lieferte sie mir aber auch eine der längsten Gänsehäute meines Lebens.


Ohne weitere Erläuterungen hier der Text von Ingo, der ihn mir freundlicherweise für die Online-Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Ich betrachte ihn als eine wunderbare Momentaufnahme meines musikalischen Werdegangs und danke Ingo für seine Offenheit, mit der er mir ein großes Geschenk gemacht hat.

 

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Days of Music

 

Es war gut, Hugo einmal wieder zu sehen. Eigentlich sah er aus wie immer. Dünn, eher schon hager, das Haar sehr kurz frisiert, die Kleidung zurückhaltend, nichts sagend, nichts verratend. In seinem Gesicht kaum ein Lächeln, doch auch keine Wehmut. Die Augen – klar, offen und zugewandt.

 

Wer war er, eigentlich? Was wollte er? Wofür stand er?

 

Unser Vermieter hatte ihn uns vermittelt, als wir darum baten, dass doch auch in unserem Keller elektrisches Licht liegen möge.

 

Hugo war Elektroingenieur und arbeitete doch nur als Elektriker. Einfach so. Weil es ihm genügte. Und zu uns kam er, damals, weil er gerne half.

 

Natürlich half der kleine Hinzuverdienst auch ihm. Aber wie bescheiden auch hier seine Forderung! Mehr schon eine Bitte. Der Hauch einer Gegenleistung.

 

Wir mochten ihn, diesen komischen Kauz. Der nicht viel sprach. Der alles mit uns aß, klaglos. Und der immer wieder kam, wenn wir ihn brauchten.


Nicht, dass wir ihn oft angefordert hätten. Gar ausgenutzt. Im Gegenteil. Wir genierten uns, doch wäre das nicht nötig gewesen. Hugo freute sich jedesmal. Und er kam selbst dann noch, als er längst einen standesgemäßen Job angenommen hatte.


Unser letzter Auftrag war der größte. Kate und ich hatten die Nachbarwohnung hinzugenommen. Hier fiel eine Kernsanierung an. Tagelang schabten wir Tapeten ab, rissen Türrahmen heraus, nahmen eine Wand weg, viele Quadratmeter alter Fliesen.


Und Hugo stemmte. Meter um Meter schlug er Schlitze in die Wände. Mit einem Fäustel und einem „Ichhabevergessenwiedasheißt“. Die alte Elektrik war so marode, dass ein Kabelbrand längst hätte stattfinden können.


Fred verputzte alle Wände neu und wir strichen. Und strichen. Und strichen.


Eines Tages dann – der Durchbruch. Ein Loch in der Wand, die uns über zwanzig Jahre von unseren Nachbarn getrennt hatte.


Diese Wand war tragend und musste daher anders abgestützt werden. Doch auch das meisterten wir mit Bravour. Selbst für solch‘ eine Kleinstbaustelle konnte man ein Bauunternehmen beauftragen.


Alles lief wie am Schnürchen. Ich war sehr beeindruckt. Wie viele solcher Baustellen hatte Kate schon in der Vergangenheit gemanagt?! Ich ereiferte mich am Tragen eintausend voller Schutteimer, über fünf Etagen. Zu irgend etwas musste doch auch ich taugen!?


Aber der Durchbruch!? Mir war nicht wohl dabei. Die Dinge liefen in eine verkehrte Richtung. Und diese Dinge – waren mein Leben. Mal eben so.


Die Ärztin sagte mir: „ist im falschen Leben unterwegs.“ Fünf Worte, mit denen alles gesagt war.
Vor ihren Freundinnen meinte Kate: „der macht nix!“


Dabei schuftete ich tagsüber in einer Klinik. Als Patient, wohlgemerkt. Das schien mir eine gute Alternative dazu, mich vor einen Zug zu werfen.


Auf der Arbeit winkte eine Umsetzung, als Licht am Ende des Tunnels. Bis dahin musste ich irgendwie überleben. Aber Kate meinte nur: „der macht nix!“


Hugo brachte uns Musik mit: „Kennt ihr eigentlich Anke?“


„Well, to be honest – nie gehört!“


Anke war ein Nachbarskind gewesen, auf das er früher aufgepasst hatte. Auch da vermutlich, sehr sicher, ohne viel für sich zu verlangen.


Wenn es Engel gab, musste Hugo einer sein. Ein Schutzengel. Einer, der dann da ist, wenn nichts anderes mehr hilft. Einer, der Liebe in die Welt trägt. Einer, der die Welt zusammenhält.


Anke hatte er lange nicht gesehen. Viele Jahre. Und doch war zwischen ihnen gleich wieder alles klar.


Kinder spüren das. Ihr Instinkt ist noch ungetrübt, unverbraucht und unverbaut. Wenn wir älter sind – grown up persons –, ist es mitunter sehr schwierig, manchmal unmöglich, diesen Spürsinn zurückzugewinnen. Einige von uns kämpfen darum. Einige über Jahre. Manchen gelingt es. Aber ich fürchte, es sind nicht viele…


Anke hatte ihren Weg gemacht. Hugo meinte, sie habe wohl ein Talent, welches ihr das gestatte.


Er schenkte uns zwei CDs. Er wollte auch Anke helfen. Seiner kleinen Anke. Und sie?


Sie spielte „Days of Music. Instrumental Piano Music for Relaxation and Healing.“ Kate fand das Kacke.


Während sie nach unserer Bauarbeit auf dem Sofa lag und fernschaute, hörte ich „Days of Music.“ Ich trank. Und da ich nie viel vertragen hatte, war ich – gerade jetzt – schnell „knülle“.


Aber nicht „von Sinnen“. Viel mehr ganz bei mir. Mir selber nah. Und - Ssie Ssie, die ich eigentlich gar nicht kannte.


Wir mailten seit kurzer Zeit. Hatten uns bei einem Abi-Treffen flüchtig gesprochen. Obwohl wir nie gemeinsam Abi gemacht hatten. Sie kam auf diese Schule, als ich schon fort war. Der Segen von „stayfriends!“
Wir mailten und mailten und mailten. Ihre Beziehung ging gerade in die Brüche. Und ich saß in unserer Küche, während ich in einem falschen Leben unterwegs war. Der Durchbruch lag mir im Magen und Kate sagte: „der macht nix!“


Ich hatte es gerade noch geschafft, mich von den Gleisen fernzuhalten. Ssie Ssie sagte später, auf den letzten Fotos aus meiner Firma habe ich schrecklich ausgesehen. Und Forsch, der Leibarzt, bestätigte mir unlängst noch, wie fies Unternehmen mit Menschen umgehen können.


Der-nix-macht fühlte sich auf einmal verstanden. Ssie Ssie sprach meine Sprache. Und ich bekam Lust, mit ihr bei nackten Füßen Anke Johannsen zu hören.


Hildegard hatte mich ja aufgeklärt, was es heiße, wenn man die Schuhe auszieht. Nachdem ich Kate verlassen hatte und mit Ssie Ssie die Welt entdeckte, sollte ich ihrer Beerdigung nicht mehr beiwohnen dürfen. Nach zwanzig Jahren, mit Kate, ihrer Nichte…


Aber Anke hatte mir gezeigt, wo mein Herz wohnt. Mit Days of Music konnte ich weinen. Der Durchbruch gab den Weg frei. Und Anke lies mich meine Richtung fühlen.


Instrumental Piano Music Music for Relaxation and Healing. Mittlerweile haben Ssie Ssie und ich sie zusammen bei nackten Füßen gehört. Und der Weg geht noch immer weiter.


Danke, Anke!

 

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