More Than It Seems - oder: Warum "Turning Points" in Wahrheit "Tuning Points" sind.

Ein paar Minuten später, und ich hätte diesen wunderschönen Anblick verpasst.
Ein paar Minuten später, und ich hätte diesen wunderschönen Anblick verpasst.

Vor ein paar Tagen wache ich morgens unerwartet früh auf, und das ganz ohne das Klingeln meines Weckers. Musikern wird nachgesagt, dass sie eher nicht zu den Frühaufstehern gehören. Zugegeben, auch ich neige dazu, eher nachts aktiv, inspiriert und produktiv zu sein. Aber auch den Morgenstunden kann ich durchaus einen gewissen Zauber abgewinnen.

 

So geschehen an besagtem Morgen, als ich die Augen aufmache, um festzustellen, dass der Glaskristall in meinem Schlafzimmer von einem Sonnenstrahl (einem der ersten in diesem Jahr!) getroffen wird und die Wand mit wunderschönen Lichttupfen bedeckt. Welch ein Anblick! Geistesgegenwärtig greife ich nach einem kurzen Moment des Genießens und glücklichen Wachwerdens zur Kamera, um diesen zauberhaften Anblick einzufangen. Und siehe da, nur wenige Augenblicke später wandert der Sonnenstrahl weiter, und die Lichttupfen an meiner Wand verschwinden. Wäre ich nur wenige Augenblicke später aufgewacht, ich hätte von all dem nichts mitbekommen.

 

So ist das Leben. Ein stetes Kommen und Gehen. Was zählt und bleibt, ist der jeweilige Augenblick. Und wie wir ihn nutzen.

 

Da fällt mir die Email eines guten Freundes ein, die mich vor ein paar Monaten erreichte. In seinen melancholisch anmutenden Zeilen schrieb er mir seinerzeit über die verpassten Gelegenheiten in seinem Leben, die er heute, da er sich einer neuen Lebensphase nähert, schmerzlich bedauert. Seine Email macht mich bis heute nachdenklich, gar betroffen, denn ich ahne, wie sehr es ihn quält, nicht zu wissen, wie manches geworden wäre, hätte er es nur einfach darauf ankommen lassen - was auch immer das in der jeweiligen Situation bedeutet hätte. Fakt ist, er ließ sich von Angst und Bequemlichkeit zurückhalten. Allzu menschlich. Kennen wir das nicht alle?

 

Bezeichnenderweise schrieb er in seiner Email von "Turning Points", die diese verpassten Gelegenheiten hätten sein können, und vergaß dabei das "r" - für mich nach genauerer Betrachtung mehr als nur ein Rechtschreibfehler. Während "turn" im Deutschen u.a. mit "Wende" übersetzt wird, bedeutet "tune" u.a. "einstellen, stimmen, einschwingen".

 

Sind Wendepunkte also in Wahrheit jene Punkte, an denen man sich auf das Leben und den jeweiligen Augenblick einstellt? Einen Augenblick innehält. Wahrnimmt, was tatsächlich ist. Von seinem ursprünglichen Vorhaben abrückt. Das Leben so nimmt, wie es sich einem gerade anbietet - selbst, wenn das zur Folge haben mag, dass es in eine andere, ja vielleicht sogar in die entgegengesetzte Richtung weitergeht.

 

Um sich auf das Leben einstellen zu können, muss man meiner Beobachtung nach vor allem eines tun: im Augenblick sein. Wie sonst will man Gelegenheiten wahrnehmen (im Sinne von "nutzen"), wenn man sie vorher nicht wahrnimmt (im Sinne von "erkennen")?

 

Und da kommt sie wieder ins Spiel - die Angst. Genauer betrachtet ist Angst nämlich nichts anderes, als nicht im Augenblick zu sein, sondern sich eben damit zu befassen, was passieren könnte. Oder damit, was man gerne noch hätte, obwohl es vorbei ist. Anstatt loszulassen.

 

Aber Angst ist nicht die einzige Hürde, glaube ich. In Zeiten von Smartphones finde ich persönlich es gar nicht so leicht, trotz reinkommender Emails, Nachrichten, Anrufe und buntem Treiben im Netz im Augenblick zu sein. Also da zu sein, wo man tatsächlich gerade ist. In den letzten Wochen habe ich es mir deswegen vermehrt zu Herzen genommen, präsent(er) zu sein. Man könnte auch sagen: bewusst(er) zu sein.

 

Meine Erkenntnis: Es gibt so viel so viel zu entdecken. Da ist so oft so viel mehr, als ich zunächst sehe, wenn ich nur genau genug hingucke. Das Leben wird regelrecht zur Schatzsuche.

 

Beispiel: Anstatt mit der Bahn zu einem Termin zu fahren, entschied ich mich vor ein paar Tagen für einen Spaziergang dorthin. Unterwegs entdecke ich in der Duisburger Innenstadt einen Fernwärme-Deckel auf dem Boden. Wenige Schritte weiter folgte das dazugehörige Straßenschild: Die "Fernwärme" befand sich in der "Nahestraße". So liegen die Kontraste oft beieinander, dachte ich mir schmunzelnd und empfand eine kindliche Freude in Anbetracht dieser Entdeckung. Als ich später einer Freundin zu erklären versuchte, was genau mich daran begeisterte, musste ich passen. Da gab's nichts zu erklären. Ich fand sie einfach cool - die Entdeckung, aber auch die Interpretationsmöglichkeiten, die sie erlaubte:

In ähnlicher Art und Weise entdecke ich dieser Tage den Mut vor der eigenen Haustür (die besprühte Hauswand befindet sich tatsächlich schräg gegenüber von meiner Haustür, und ich habe sie erst vor ein paar Wochen das erste Mal bewusst wahrgenommen), die von Licht durchfluteten Rosen in meiner Küche und das aufmunternde Tagesangebot auf einem Schild vor einem Imbiss in der Duisburger Innenstadt:

Ich persönlich finde jedenfalls die Vorstellung atemberaubend, dass das Leben eine Schatzsuche ist, bei der es viel zu entdecken (und im Übrigen auch zu lachen!) gibt. Und mehr noch: Es gibt viel zu tun. Zugegeben, aller Anfang ist schwer. Aber da kommt dann der Mut vor der eigenen Haustür ins Spiel. Ist der erste Schritt aus der berühmt berüchtigten Komfortzone erst einmal gemacht, ist damit alles gewonnen.

 

So gesehen passt nicht nur mein heutiger Song "More Than It Seems" aus dem Jahr 2003, sondern eben auch das dazugehörige Video aus dem Jahr 2010. Es war nämlich das erste Musikvideo, das ich je selbst erstellt habe - mit den bescheidenen technischen Mitteln, die mir seinerzeit zur Verfügung standen und begleitet von einer Menge Selbstzweifeln, ob meine Fotos denn gut genug für eine solche Präsentation seien. 657 Klicks auf Youtube und knapp drei Jahre später komme ich zu dem Ergebnis, dass mir dieses Video keineswegs geschadet hat. Ganz im Gegenteil - es bezeichnet aus heutiger Sicht den Anfang meiner beruflichen Selbstverwirklichung, die mittlerweile weit über das Musikalische hinausgeht.

 

Da ist eben oft (wenn nicht sogar immer!) so viel mehr als wir zunächst vermuten.

 

In diesem Sinne - stay tuned!

It's the glorious moment

That never will pass

A sacred reflection

Of all that there is

What a joy to remember

How blessed we are

When we move in the heavens

And reach for the stars

 

Milestones of wisdom

Miracles will be

When you stand tall, above all

Then yours is the sea

As a sailor must follow

The winds that will be

You must follow the calling

And set yourself free

 

It comes all back to you, dear

How far will you go

To remember your beauty

And all that you know?

It comes all back to you, dear

How much will you do

Do aling with the heartbeat

That makes dreams come true?

 

All your thoughts, deeds, and choices

Day to day stay the course

The love that you carry

Is all that endures

Oh fair well, friends,

I'll see you at the gate of my dreams

Remember that life brings

Much more than it seems

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ejiro (Dienstag, 19 März 2013 02:18)

    I love it Anke! Beautiful