Days of Music - oder: Zeit zu spielen

Dieser Schnappschuss entstand während meiner Süddeutschland-Tour im April in meiner alten Heimatstadt Tiengen und war Anstoß für den heutigen Blog-Artikel.
Dieser Schnappschuss entstand während meiner Süddeutschland-Tour im April in meiner alten Heimatstadt Tiengen und war Anstoß für den heutigen Blog-Artikel.
Entdeckung auf einer Rolltreppe am Duisburger Hauptbahnhof.
Entdeckung auf einer Rolltreppe am Duisburger Hauptbahnhof.

Im letzten Blog-Artikel zum Thema "Mut - oder: Für was und zu wem stehe ich?" fiel unter anderem das Stichwort "Spielgefährten". Und als es in einem Blog-Artikel vor ein paar Wochen um das Thema "Zeit" ging ("Willkommen im echten Leben - oder: Viele Uhren, mehr Zeit?"), habe ich das Thema Spielen auch schon mal gestreift. Ich habe in der letzten Zeit mal ein wenig darauf geachtet, wo mir so überall das Thema Spielen begegnet. Wie so oft, wenn man seine Aufmerksamkeit auf etwas legt, ging es plötzlich überall ums Spielen. Ich fand mich sogar kurz nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, meinen nächsten Blog-Artikel dem Thema Spielen zu widmen, zum ersten Mal in meinem Leben in einem Indoor-Spielplatz wieder. Aber dazu gleich.

 

Ich finde es zunächst einmal naheliegend, sich als Musiker mit dem Thema "Spielen" zu befassen. Man könnte sogar sagen, das Spielen ist eine Grundvoraussetzung für jeden Musiker. Sollte es zumindest sein. Im Englischen sagt man schließlich "to play music", und im Deutschen spricht man davon, ein Instrument zu spielen. Tatsächlich ist es für mich so, dass je mehr Spielfreude ich in mir entdecke und auf der Bühne zulasse (und ja, dazu gehört auch, dass mir mittlerweile völlig egal ist, wie ich beim Spielen aussehe, welche Mimik ich dabei habe, wie sehr mein Fuß dabei zappelt, und, und, und,...), umso mehr fühlt sich das Publikum - sagen wir: mitgerissen. Irgendwas passiert beim Spielen, ähnlich wie beim Lachen, glaub ich, das ansteckend ist und einfach Freude macht.

Spielen geht immer und überall. Aber wir müssen schon wollen und die Spielwiese bzw. Hüpfburg betreten.
Spielen geht immer und überall. Aber wir müssen schon wollen und die Spielwiese bzw. Hüpfburg betreten.

Kürzlich erwähnte ein Bekannter ziemlich aus dem nichts heraus, dass er gelesen hatte, dass Menschen, die spielen, in eben diesem Moment nicht depressiv sein können. Das leuchtete mir spontan sofort ein und kam mir wieder in den Sinn, als ich vor ein paar Tagen mit einem Freund unterwegs war. Es war Wochenausklang, und irgendwie war ich ziemlich erschöpft und wohl auch ein wenig niedergeschlagen. Plötzlich kam mein Freund mit der Idee an, ob wir nach unserem Spaziergang am Wasser noch eine Runde Frisbee spielen sollten. Ich hatte keine Lust, wusste aber auch, dass das eine tolle Sache sein würde, die mich auf andere Gedanken bringen würde. Und genau so war es. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir einen Riesen Spaß und waren am Kichern und Herumblödeln wie die Kinder. Es stimmt also - wenn man spielt, kann man sich offensichtlich nicht wirklich traurig fühlen. Jedenfalls nicht allzu traurig oder nicht für allzu lange Zeit. So einfach kann es sein, dem Leben die Stirn zu bieten.

Spielen hat einfach etwas Magisches.
Spielen hat einfach etwas Magisches.

Die Kinder machen es uns vor, finde ich. Das ging mir jedenfalls durch den Kopf, als ich vor ein paar Tagen einen Freund und seinen Sohn in einen Indoor-Spielplatz begleitete - für mich eine Premiere, die mich über mehrere Stunden hinweg immer wieder in Staunen (und Fotografieren) versetzte. Zum einen hatte ich keine Ahnung, welch reichhaltiges Angebot einen in einer alten, mittlerweile umgebauten Tennishalle, so alles erwarten kann. Zum anderen war ich einfach beeindruckt, wie Kinder jeden Alters stundenlang spielen, bis manche von ihnen irgendwann nassgeschwitzt von ihren Eltern aus dem Verkehr gezogen oder zumindest zu einer kleinen Essenspause überredet werden müssen, weil sie sich ansonsten völlig zu verausgaben drohen. Da bekommt "Spielen bis zum Umfallen" ganz reelle Bedeutung.

Kinder geben beim Spielen Vollgas. Und zwar nicht nur auf dem Bobby Car.
Kinder geben beim Spielen Vollgas. Und zwar nicht nur auf dem Bobby Car.

 

Mal spielt jedes Kind für sich, mal mit Freunden, mal mit fremden Kindern, die man sich ganz offensichtlich innerhalb kürzester Zeit zu Freunden oder zumindest zu Spielgefährten macht. Die Hauptsache, es wird gespielt. Und zwar mit Vollgas.

 

Überhaupt war da ziemlich viel, das mir auffiel oder mich beeindruckte. Da war beispielsweise diese eine Schlüsselsituation, die mich zum Schmunzeln brachte. Der Sohn meines Freundes hatte Lust, Fußball zu spielen. Also ging er auf's Fußballfeld, wo ein etwas älterer und korpulenterer Junge vor sich hin kickte. Aus der Ferne konnte ich beobachten, wie die beiden kurz ein paar Sätze austauschten, und schon spielten sie miteinander.

Um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, gibt's hier einen Schnappschuss vom Kicker. Auch ein tolles Spiel, das ich leider (noch) nicht allzu gut beherrsche. Ich übe.
Um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, gibt's hier einen Schnappschuss vom Kicker. Auch ein tolles Spiel, das ich leider (noch) nicht allzu gut beherrsche. Ich übe.

Später gesellten sich weitere Kinder hinzu, und schon bald gab es ein richtiges Fußball-Match zwischen Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen Alters. Wenn ich bedenke, wie steif und unentspannt so manch Netzwerk-Veranstaltung, zu der ich gehe, zumindest eingangs ist, muss ich schon staunen, wie ergebnisorientiert und tolerant Kinder so vorgehen.

 

Überhaupt war der ganze Nachmittag im Indoor-Spielplatz - so laut es dort zeitweise auch war - ein ziemlicher Augenöffner. Die Kinder wirkten alle ziemlich fröhlich und - und das war für mich das Entscheidende - so ganz in der Gegenwart. Denn Spielen bedeutet meines Erachtens, so ganz im Augenblick zu sein. Man spielt eben nicht, weil in der Vergangenheit irgendetwas schief gegangen ist und man sich nun darum kümmern muss. Und man spielt auch nicht, um morgen etwas erledigt zu haben. Man spielt, weil es geht, weil es Spaß macht, weil man das Leben jetzt gerade genießt.

Man muss es ja nicht übertreiben.
Man muss es ja nicht übertreiben.

 

Zu ein wenig Badminton ließ ich mich schlussendlich gerne breitschlagen (hier im übertragengenen Sinne des Wortes gemeint!). Auf die Hüpfburg oder das Klettergerüst begab ich mich indes nicht. Das hatte nicht so sehr mit mangelndem Mut zu tun, als vielmehr mit Taktgefühl den Kindern gegenüber. Und eine Altersbeschränkung gab es, glaube ich, auch. Immerhin zahlen Erwachsene bei einem solchen Spielplatz den ermäßigten Preis. Meine Art von Spielfreude drückte sich anstelle dessen darin aus, für eine kleine Weile auf Jagd nach coolen Foto-Motiven zu gehen. Das Dreirad, auf das ich mich für einen kleinen Schnappschuss begab, hat übrigens überlebt (siehe unten).

Dieser Spielautomat befand sich im Restaurant und steht dort hoffentlich für die Erwachsenen.
Dieser Spielautomat befand sich im Restaurant und steht dort hoffentlich für die Erwachsenen.

Beim Knipsen machte ich dann auch die Entdeckung, was tatsächlich damit gemeint ist, wenn Musiker-Kollegen davon sprechen, dass sie Jazz spielen und dass damit kaum Geld zu verdienen ist. Und ich dachte all die Jahre, Jazz ist ein Genre.

 

Kürzlich unterhielt ich mich in einer sozialen Einrichtung, in der ich mich seit ein paar Wochen ein wenig ehrenamtlich einbringe, mit einem Jugendlichen, der mir erzählte, dass er durch das Gitarrespielen von seiner Spielsucht weggekommen ist. Offenbar spielte er früher in großem Stil Videospiele. Er sprach davon, dass er heute wohl ein wenig süchtig nach dem Gitarrespielen sei, aber wir waren uns sofort einig, dass das das kleinere Übel sei. Immerhin konzertierte er für mich und die anderen und wir hatten alle ziemlich viel Spaß dabei.

Man kann ja auch beim Spielen vernünftig sein und sich absichern. Die Kinder werden hier beim Springen auf dem Trampolin ja auch abgesichert.
Man kann ja auch beim Spielen vernünftig sein und sich absichern. Die Kinder werden hier beim Springen auf dem Trampolin ja auch abgesichert.

Prinzipiell halte ich es da mit meiner Großtante, die immer sagte: Alles, was mit "zu" anfängt, ist nicht gut. Oder anders gesagt: Der Mittelweg ist eben der goldene Weg.

 

Deswegen ist dies hier so gar nicht als Plädoyer für unbedachtes Spielen oder gar unvernünftiges Handeln zu verstehen. Oft genug, wenn Erwachsene von "Spielen" reden, meinen sie ja auch etwas ganz anderes. Unehrliches oder strategisches Verhalten zum Beispiel.

 

Wenn ich hier von Spielen rede, dann meine ich damit vor allem eines: Lebensfreude. Und eben die drückt sich für mich oft in den Dingen aus, die ich tue, einfach, weil ich Freude daran habe. Und dabei kommt in der Regel niemand zu Schaden.

 

Wer genau hinguckt, entdeckt die Seifenblasen, die ein kleiner Junge auf der Königstraße in Duisburg vor ein paar Tagen in der Gegend herumblies. Er selbst ist nicht zu sehen und steht quasi rechts vom Bild.
Wer genau hinguckt, entdeckt die Seifenblasen, die ein kleiner Junge auf der Königstraße in Duisburg vor ein paar Tagen in der Gegend herumblies. Er selbst ist nicht zu sehen und steht quasi rechts vom Bild.

 

Im See die Füße ins kalte Wasser stecken und plantschen. Wehrlose Stofftiere auf liebevolle Art und Weise für ein lustiges Foto in Szene setzen. Warteschleifen tanzen so wie die Jungs und ich neulich wieder bei unserem Konzert in der Altstadtschmiede in Recklinghausen. Seifenblasen in der Stadt herumpusten wie der kleine Junge neulich auf der Königstraße in Duisburg. Das Klopapier auf einer Toilette in der gefalteten Art und Weise zurücklassen, wie man es nach dem Einchecken in Hotelzimmern vorfindet, um damit den Nächsten zum Schmunzeln zu bringen. Die Möglichkeiten sind unzählig, und die Freude dabei oft genug unbändig.

 

Ein paar Mal habe ich mich schon darauf bezogen, und erstaunlicherweise passt er auch diesmal wieder ganz wunderbar - der Spruch auf dem Duisburger Stadttheater, nachzulesen hier.

Spielzone und Duisburger Stadttheater. Irgendwie passt das zusammen.
Spielzone und Duisburger Stadttheater. Irgendwie passt das zusammen.

Resümee des heutigen Blog-Artikels?

 

Das T-Shirt meines Bassisten Andreas kommt mir da in den Sinn: "Spiel what you feel".

 

Wer's gerne ein wenig intellektueller mag, für den spuckt Wikiquote das folgende Zitat von Friedrich Schiller, von dem ja auch das Zitat auf dem Duisburger Stadttheater stammt, aus:

"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

 

Und wenn ich noch meinen Senf hinzugeben darf: Nicht drüber nachdenken. Machen. Schnappt euch das Spielzeug (was auch immer das sein mag) und spielt, was das Zeug hält!

 

Als Soundtrack gibt es dazu eine Klaviernummer, die ich vor einigen Jahren für mein damaliges Piano-Album "Days of Music" aufgenommen habe. Seinerzeit habe ich den Songs keine Titel gegeben, weil ich dem Hörer seine ganz eigenen Erfahrungen und Bilder lassen wollte. Würde ich dem Song aus heutiger Sicht einen Titel geben, es wäre "Spielfreude", denn genau das verbinde ich mit dieser Komposition.

 

Ich wünsche euch viel Freude beim Hören und Spielen!

Und ab durch die Mitte!
Und ab durch die Mitte!

Kommentar schreiben

Kommentare: 0