Zugezogen und fast weitergeflogen - oder: Schon allein für den Mond

 

Wenn ich eines in den letzten Jahren gelernt habe, dann dass die Dinge meistens oder sogar immer anders kommen als gedacht. Manche Dinge ergeben sich, wie man so schön sagt. Andere wiederum zerschlagen sich. Das Leben bietet sich uns mit all seiner Vielfalt an. Entweder wir begegnen ihm mit Anmut und lassen uns darauf ein, oder aber wir lehnen es widerwillig ab, um irgendwann festzustellen, dass wir es uns leichter machen, wenn wir den oft unausweichlichen Gang der Dinge "einfach" zulassen und akzeptieren. Und nicht nur das. Wunderschönes kann entstehen, wenn wir dem Leben in den entscheidenden Momenten das Zepter überlassen. Genau davon handelt der heutige Blog-Artikel.

 

Nach meinem Abitur, seinerzeit mit der Familie in Süddeutschland lebend, verbrachte ich viel Zeit im Ausland. Die USA, Afrika, Asien,...immer zog es mich in die große, weite Welt hinaus. Über mehrere Jahre hegte ich gar den Wunsch, auszuwandern. Deutschland fühlte sich für mich schlichtweg nicht nach Heimat an. Ganz im Gegenteil sogar, über viele Jahre fühlte ich mich hier regelrecht unwohl und fremd.

 

Vor fünf Jahren traf ich die Entscheidung, nach Duisburg zu ziehen. Vorläufig, wie ich dachte. Grund dafür war meine Großtante. Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Duisburg, und meine Großtante, mittlerweile in die Jahre gekommen, konnte in der letzten Etappe ihres Lebens ein wenig familiäre Unterstützung gebrauchen. Liebenswert wie sie stets gewesen war, nahmen meine Mutter und ich uns ihrer gerne an. Wir hatten eine wunderbare Zeit miteinander. Eine Zeit, in der mir Tante Anneliese oft auszureden versuchte, irgendwann auszuwandern, wenn ich zu dieser Zeit eine Auslandsreise antrat und sie die Sorge hegte, ich würde nicht zurückkehren. "Deutschland ist doch so schön!", beteuerte sie stets. Ach ja, und dass Duisburg erstaunlich grün sei erklärte sie mir auch regelmäßig. Zum Geburtstag musste ich mir anhören, dass so alt wie ich kein Schwein in Duisburg sei. Neben "So jung kommen wir nicht mehr zusammen." war das nämlich einer ihrer Lieblingssprüche. Eine Freche war sie, meine Großtante, und eine, die Duisburg wahrlich liebte, und das machte sie sehr liebenswürdig. Duisburg hingegen blieb für mich die Stadt meiner Großtante, eine Stadt, in der ich ihr zuliebe Zwischenstation machte. Ankommen, Wohlfühlen sehen anders aus.

 

Als Tante Anneliese vor zwei Jahren starb, fühlte sich Duisburg für mich schrecklich leer an. Ich wollte wegziehen, und das in meiner Trauer um den schmerzhaften Verlust lieber heute als morgen. Also befasste ich mich mit anderen deutschen Städten und Ländern auf der Suche nach meiner zukünftigen "Wahlheimat". Und dann passierte etwas, das ich nicht auf dem Zettel hatte: das Leben. Um meinen 30. Geburtstag herum lernte ich das Café Kaldi in Duisburg-Ruhrort kennen - ein Café, das mir eine Seite von Duisburg zeigte, die ich bis dato nicht kannte. Als würde sich eine magische Tür öffnen, lernte ich Menschen kennen und schätzen, die mich zögern ließen, Duisburg den Rücken zuzukehren. Wie sehr hatte ich dieser Stadt bislang eine Chance gegeben, zu meiner Heimat zu werden? Wie sehr hatte ich mich auf sie eingelassen? Wie sehr war ich hier überhaupt je angekommen? Und wenn wir schon dabei sind: Wie sehr war ich mit meinen 30 Jahren eigentlich bei mir selbst angekommen?

 

Ich hatte die Fährte aufgenommen und wollte wissen: Was passiert, wenn man sich bewusst auf eine Sache, eine Stadt,...das Leben einlässt? Und bleibt, auch wenn man - aus welchen Gründen auch immer - am Liebsten wegrennen möchte? Aus meinem kleinen Experiment wurde schon bald der Entschluss, Duisburg eine Chance zu geben. Eine Chance, die diese Stadt allein schon deswegen verdiente, weil ich mich an keinem anderen Ort den Wurzeln meiner Familie näher fühlen konnte als hier. Sicher war ich auch auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, meinem ganz persönlichen Gefühl von Heimat.

 

Was folgte, waren spannende Antworten vom Leben höchst persönlich. Momentaufnahmen wie die, als ich vor dem Stadttheater stand und Friedrich Schillers Zitat verinnerlichte, als stünde es nur für mich dort geschrieben. Ich, die stets weg wollte, fing an, anzukommen. Im Jetzt. Im Hier. Bei sich selbst. Und so entschied ich mich, vorerst zu bleiben.

 

Es muss ein schleichender Prozess gewesen sein, denn Wurzeln schlagen geht halt nicht in ein paar Tagen. Da waren berufliche Erfolge, die ich hier in Duisburg feiern durfte und die mir das Gefühl gaben, beruflich anzukommen. Eine Fernbeziehung mit Frankfurt, die in die Brüche ging, woraufhin ich auch die Wochenenden darauf verwendete, Duisburg für mich zu entdecken. Freundschaften und Bekanntschaften, die sich im Laufe der Zeit in dieser Stadt entwickelten.

 

Eines Abends, zu Beginn dieses Jahres - ich war gerade von einer Konzerttour aus dem Libanon zurückgekehrt - joggte ich zu gewohnt später Stunde am Innenhafen entlang. Der Mond hing sichelförmig über dem Stadtwerketurm und verwandelte diesen eiskalten Winterabend in eine Idylle, die mich ergriff. Zutiefst ergriff. Es fühlte sich an, als würde Duisburg seine Arme ausbreiten und mich, die Zugezogene, willkommen heißen. Sicher, ich hatte in den letzten Monaten, wie auch in diesem Moment am Innenhafen, die Gelegenheit wahrgenommen, Duisburg von seinen schönen Seiten kennenzulernen. Aber das war es nicht, was diesen Moment ausmachte. Es waren die Menschen, die Duisburger, die ich im Laufe der letzten Monate kennen und lieben gelernt hatte. Und es war die Reflektion meiner Selbst, die ich in diesen Menschen in diesem Moment sehen konnte.


In einem bewegenden Moment wie diesem bin ich zumeist inspiriert, zu komponieren. Und so schossen mir noch am Innenhafen erste Textzeilen in den Kopf, die meine Dankbarkeit für meine neue Heimat zum Ausdruck brachten. Stur und eitel, wie ich sein kann, verwarf ich jedoch auf dem Heimweg den Gedanken, einer solchen Songidee nachzugehen. Ich würde nicht zu jenen Musikern gehören, die einer Stadt ein Lied widmen. Das sollten andere machen. So nackig würde ich mich nicht machen.

 

Ein paar Tage später kapitulierte ich und gab den musikalischen Ideen, die sich da Bahn brachen, nach, festentschlossen, den Song daraufhin in der Schublade verschwinden zu lassen. Eine Aufnahme fertigte ich von dem Lied noch an - eine für mich einfache und praktische Methode, um Kompositionen zu archivieren, für die ich vorerst keine Verwendung habe. Und dann war es so, als würde der Song ein Eigenleben entwickeln. Ein, zwei Leuten gegenüber hatte ich erwähnt, dass ich da was über Duisburg komponiert hatte, und schon sprach man mich von verschiedenen Seiten auf mein "Duisburg-Lied" an. Bei der Gelegenheit erfuhr ich dann auch, dass der Mond von Wanne-Eickel offenbar auch schon besungen wurde. Aus einem sehr persönlichen Liebesgeständnis wurde ein Song, für den sich immer mehr Leute interessierten. Selbst in einem Print-Magazin fand er Erwähnung zu einem Zeitpunkt, also ich noch nicht einmal wusste, ob und wann ich ihn überhaupt veröffentlichen würde. Einen Liebesbrief liest man schließlich auch nicht jedem vor.

 

Zeitgleich begann ich damit, den Mond über Duisburg zu fotografieren, wann auch immer ich auf Achse war und ihn irgendwo entdeckte. Manch Jogging-Runde und Spaziergang wurden so zum Fotoshoot.

 

Vor ein paar Wochen ergab es sich dann, dass ich eingeladen wurde, an einer Medieninstallation im Rahmen der Extraschicht auf Zeche Zollverein in Essen mitzuwirken. Es ging um 3,5 Meter hohe, kopfförmige Skulpturen, die als Projektionsfläche benutzt werden und Gesichter von Menschen aus dem Ruhrgebiet zeigen sollten. Bei den Dreharbeiten darauf angesprochen, ob ich als Sängerin ein für das Ruhrgebiet typisches Lied anstimmen könne, musste ich zunächst passen, bis mir in den Sinn kam, mein ganz persönliches Ruhrgebietslied anzubieten. Und so sang ich zur Begeisterung der Verantwortlichen "meinen Mond-Song".

 

Einige Wochen vergingen, und ich war so sehr mit Konzerten und Projekten befasst, dass ich mir kaum Gedanken darüber machte, was aus der ganzen Geschichte geworden war. Am Abend der Extraschicht schließlich hatten meine Band und ich ein Engagement außerhalb des Ruhrgebiets, und doch ließ ich es mir nicht nehmen, nach dem Konzert noch nach Essen zu düsen, um mir anzusehen, was aus der ganzen Sache geworden war. Und so stand ich irgendwann nach Mitternacht vor diesem, meinem großen Kopf, den man schon aus der Ferne singen hören konnte. Selbst zu dieser vorgerrückten Stunde konnte ich noch Zuschauer dabei beobachten, wie sie vor meinem Kopf stehenblieben und aufmerksam dem Lied lauschten. Acht Stunden lang hatten hier ich weiß nicht wie viele Menschen dazu die Gelegenheit gehabt. Ein abgefahrenes Gefühl, das mich an jenen Moment am Innenhafen erinnerte.

 

Vor meinem eigenen, singenden, 3,5 Meter hohen Kopf zu stehen (in diesem Zusammenhang bekommt Mondgesicht ganz neue Bedeutung!) war eine jener Antworten und Momentaufnahmen, von denen ich vorhin sprach. Und dieser Song, für den ich bis heute noch keinen offiziellen Titel hatte und den ich hiermit ganz einfach auf den Namen "Schon allein für den Mond" taufe, hat es irgendwie geschafft, sich seinen Weg zu bahnen. So ist es eben, das Leben, wenn sich die Dinge ergeben.

 

Ohne viel Schnickschack und große Ankündigungen gibt's hier heute das Lied, das offenbar nicht in meiner Schublade bleiben wollte.

Aufnahme und Co-Produktion: Jens Otto

P.S.:


Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Micha Bühner (Sonntag, 14 Juli 2013 10:53)

    (fast) eine Liebeserklärung :)

  • #2

    Kees Jaratz (Montag, 15 Juli 2013 09:00)

    Auf dass viele Menschen mitbekommen, welch schöne Refrainzeile samt Lied du geschaffen hast.
    http://zebrastreifenblog.wordpress.com/2013/07/15/heimatlied-sektion-duisburg-folge-4/

  • #3

    Juli (Dienstag, 16 Juli 2013 01:11)

    Habe ich mehr als gerne gelesen! Wunderbar geschrieben...mit ganz viel (Heimat-)Herz <3

  • #4

    Alex. Klomparend (Dienstag, 20 August 2013 15:59)

    Mein Gott, wie schön!

  • #5

    Rebekka (Montag, 10 Februar 2014 11:45)

    Leider konnte ich die Herzlichkeit als Zugezogene der Stadt noch nie spüren.

  • #6

    Sven (Samstag, 17 September 2016 23:25)

    Tolles Klavier, Tolle Stimme, Toller Text