Gelernt: Barocken

Mein heutiges Aha-Erlebnis hat mit einer spontanen Aufführung in Lottis Wohnzimmer zu tun.

 

Nach einem recht entspannten Tag (Jens kommt am Sonntag nach, und ab Dienstag geht’s los mit unseren Konzerten - bis dahin kümmere ich mich hier um diverse andere Angelegenheiten.), den ich mit Spazierengehen, Fotografieren und Üben verbracht habe, lässt mir Lotti gegen Abend von einer ihrer Bediensteten ausrichten, dass ich jederzeit willkommen sei, mich zur Probe ihres Barock-Ensembles hinzuzugesellen. In meinem Zimmer im dritten Stock vernehme ich tatsächlich schon seit geraumer Zeit die Live-Musik von unten. Zwischen den Zeilen höre ich heraus, dass es wahrscheinlich eine gute Idee ist, dieser Einladung zu folgen. Ich ahne, dass es auch nicht beim Zuhören allein bleiben wird.

 

Kurze Zeit später sitze ich in der Ecke des Wohnzimmers und lausche den rund 20 Musikern, die gegen Ende dieser Probe immer müder und unkonzentrierter auf mich wirken. Ich will mich gerade aus dem Zimmer stehlen, da ergreift Lotti die Chance und stellt mich vor. Ich verstehe ihre französischen Ausführungen gut genug, um zu wissen, dass ich aus dieser Nummer ohne eine Kostprobe meiner Musik nicht herauskommen werde. Aber eignet sich meine Musik für Barock-Musiker? Ich habe große Zweifel. Und überhaupt, die wollen doch jetzt alle nach Hause. Und dann ist da ja auch noch die Sprachbarriere. Was soll’s.

 

Auf Aufforderung des Dirigenten begebe ich mich an den Flügel und schlage vor: „Ich habe euch bei der Probe zugehört, jetzt dürft ihr mir bei der Probe zuhören.“ Damit meine ich die spontane Idee, ihnen einen ganz neuen Song zu präsentieren, den ich erst letzte Woche geschrieben und heute Nachmittag mit der Idee im Hinterkopf, ihn für die Konzerte hier im Libanon kurzfristig ins Programm zu nehmen, geübt habe. "Der Song handelt davon, wie man mit Angst umgeht", füge ich noch kurz hinzu. Das passt ja. „Kennt ihr Angst?“, frage ich noch. Man nickt schmunzelnd. Also lege ich etwas nervös los. Und tatsächlich, die ein oder andere Stelle vergeige (dieser Kalauer musste an dieser Stelle einfach sein) ich ein wenig, aber darum geht es nicht. Der Song kommt gut an, also erlaube ich mir, einen zweiten dranzuhängen. Mit „Being Loved By You“ lässt sich immer gut das Haus rocken. Rock trifft auf Barock. Man könnte sagen, für ein paar Minuten barocken wir zusammen. Die Begeisterung ist groß, und am Ende des Songs blicke ich in zufriedene, freundliche und offene Gesichter. Nach einem herzlichen Applaus kommen mehrere der Ensemble-Mitglieder auf mich zu, um ihre Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen.

 

Lernschleife, wenn auch nicht zum ersten Mal: Mut tut immer wieder ein bisschen weh, aber im Nachgang vor allem gut. Und Musik verbindet - und zwar immer dann, wenn sie ehrlich ist.

 

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