Gelernt: Mehr Toleranz

Ich bin zurück! So ausführlich wie beim letzten Mal werde ich wohl nicht bloggen können. Dafür hält diese Konzertreise in diesem Jahr einfach zu viel Programm für mich bereit.

 

Im Hinterkopf das Vortragskonzert, das ich über meine letzte Libanon-Reise gehalten habe und in ähnlicher Weise im Februar 2015 mit neuen Inhalten gestalten werde, habe ich mir während des Flugs überlegt, dass es hier für die nächsten 12 Tage meiner Reise täglich einen Aha-Moment gibt. Dem Interesse in Deutschland möchte ich auf diese Weise zumindest ein bisschen gerecht werden.

Manch einer von euch hat mitbekommen, dass ich dieses Jahr bei mir zum „Jahr des Lernens“ erklärt habe. Was als spontanes und spielerisches Experiment um die Jahreswende herum begann, führt seit einigen Monaten dazu, dass ich allabendlich notiere, welche Bildungslücke ich tagsüber geschlossen habe. Man muss staunen, was man alles lernt, wenn man erst einmal seine Aufmerksamkeit darauf legt. Die Idee dahinter: den Horizont erweitern und innerlich in Bewegung bleiben. Insofern geht es letztlich nicht um vermeintliche Bildungslücken, sondern den Aha-Effekt. Und den Spaß dabei.

"Brückenbauen" verpflichtet.
"Brückenbauen" verpflichtet.
Innehalten.
Innehalten.
Home is where the moon is. Anflug auf Beirut.
Home is where the moon is. Anflug auf Beirut.
Ein Schild im Aufzug von meiner Gastgeberin und mittlerweile Freundin Lotti. Und wahrlich: All is well.
Ein Schild im Aufzug von meiner Gastgeberin und mittlerweile Freundin Lotti. Und wahrlich: All is well.

Der heutige Aha-Moment handelt von José Pascale.

Das Flugzeug von Istanbul nach Beirut ist ziemlich voll und ich freue mich schon, dass ausgerechnet der Platz neben mir frei bleiben könnte, da kommt auf den letzten Drücker ein junger libanesischer Mann mit Vollbart an. Kaum hat er neben mir Platz genommen, setzt er seine dicken Kopfhörer auf und beginnt, zu relativ lauter arabischer Musik zu nicken. Zeitgleich holt er ein Sudoku-Heft heraus und beschäftigt sich fortan mit dem Lösen verschiedener Schwierigkeitsgrade. Seine Beine wippen dabei von Zeit zu Zeit nervös, und auch mit dem Kuli legt er bei seinen Denkanstrengungen und Schreibpausen eine interessante Choreographie hin, wenn sein Kopf nicht gerade nickt. Sagen wir es, wie es ist: Ich bin von all dem ein wenig befremdet. Und ja, vielleicht bin ich sogar ein bisschen genervt. Auf alle Fälle aber voller Vorurteile oder zumindest Urteile. Ich versorge meine Ohren mit Ohrenstöpseln und bin nach einem langen Reisetag nun irgendwo zwischen Lesen und Einschlafen.

Bei einem müden Blick aus dem Fenster entdecke ich den Mond. Daraufhin zücke ich mein iPhone, um zumindest den Versuch eines Schnappschusses zu wagen. Ein paar Minuten später spricht mich der Mann zu meiner Rechten auf Englisch an: „Du bist eine Künstlerin, oder?“ „Du meinst wegen der Mütze, die ich trage?“, frage ich ihn vermutlich etwas abweisend. „Ich habe dir dabei zugesehen, wie du den Mond fotografiert hast. Du musst eine Künstlerin sein.“ Es stellt sich heraus, dass José ein libanesischer Designer ist, der mittlerweile in Paris lebt und arbeitet. Ein Blick in seine Broschüre, die er mir stolz vorlegt, wirft ein anderes, sprich ziemlich helles Licht auf ihn. Ehe wir uns versehen, unterhalten wir uns angeregt über unsere künstlerischen Projekte und den Libanon. Besonders betroffen macht mich bei dieser Gelegenheit einmal mehr, dass ein junger und talentierter Mann wie er offenbar keinerlei Perspektive für sich im Libanon sieht. So sehr er seine Heimat auch liebt - hier leben und arbeiten ist für ihn aus einer Vielzahl von Gründen unmöglich. Hätte José nicht schon längst mit so ziemlich jedem Vorbehalt, den ich ihm gegenüber hatte, abgerechnet, so würde er dies spätestens in dem Moment tun, als er sein iPhone herauskramt (und das auch noch mit den Worten: „Keine Angst, ich hole keine Bombe heraus.“), um mir stolz die Fotos seiner Tochter und Frau, die er in Paris zurückgelassen hat, zu zeigen. „Kannst du denn nachvollziehen, dass du mit deinem Bart und deinem Rumgehampel ein interessantes bis schräges Bild abgibst und ich eigentlich keinerlei Interesse an einer Konversation mit dir hatte?“, frage ich ihn zu einem Zeitpunkt, als das Eis längst gebrochen ist. Wir lachen darüber, und er erklärt mir, dass er nach einer langen Reise wie dieser irgendwann einfach nicht mehr still sitzen kann. Und was den Bart betrifft: Den lässt er sich gerade aus Neugier wachsen und stellt dabei erstaunt fest, wie anders die Leute deswegen mit ihm umgehen. Auf seiner Homepage sei er aber ohne Bart zu sehen. Vor der Verabschiedung nimmt er mir das Versprechen ab, dass ich ihm eine Email mit ein paar Links zu meiner Musik schicken werde. Die interessiert ihn nämlich brennend. Ach ja, und er stellt auch noch sicher, dass ich abgeholt werde und versorgt bin. Für alle Fälle schreibt er mir noch seine Handy-Nummer auf. Er wird nur zwei Tage im Libanon sein. Zu einem meiner Konzerte wird er dieses Mal also nicht kommen können. Aber vielleicht kreuzen sich unsere Wege ja irgendwann in naher oder ferner Zukunft?

So oder so darf ich heute lernen und erfahren (und das weiß Gott nicht zum ersten Mal!), wie blöd das mit den Schubladen ist. Eine gewisse Vorsicht im Umgang mit Fremden ist das eine. Intoleranz das andere. Man weiß einfach vorher nicht, wer sich hinter einem Bart verbirgt:

http://josepascal.com/le-designer-josepascal/


Kommentar schreiben

Kommentare: 0