Gelernt: Die wahre Bedeutung von "Wir sind Weltmeister."

Erst gestern, als ich fernab der Heimat ein paar Minuten der Bambi-Verleihung im Fernsehen gesehen habe, drehte sich - wie so oft in diesem Jahr - alles um Fußball. Wenn ich mich recht erinnere, betonte Philipp Lahm in seiner Laudatio: "Wir alle sind Weltmeister." Die wahre Bedeutung davon erschließt sich mir heute.

 

Ich bin verabredet mit Anne und George, die für eine Hilfsorganisation arbeiten, die sich u. a. um syrische Flüchtlinge hier im Libanon kümmert. Anlass unseres Treffens ist der Spendenabend, der für den 6. Februar in Duisburg geplant ist und an dem mithilfe eines Vortragskonzertes zum wiederholten Male Geld für ihre Unternehmungen gesammelt werden wird. Zustande gekommen ist dieser Kontakt durch Heiner Heseding von der Christengemeinde Ruhrort, nachdem wir bereits 2013 einen solchen Abend miteinander gestaltet haben. Es scheint naheliegend, meine Konzertreise in diesem Jahr mit einem solchen Treffen zu verbinden. Geplant ist ein Besuch von einem der Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene. Dorthin werden wir direkt morgen früh von ihrem Zuhause aus aufbrechen, also holen mich die beiden bereits heute Abend ab. Auf diese Weise komme ich in den Genuss, sie und ihre drei prächtigen Kinder kennenzulernen.

 

Wir essen in einem Einkaufszentrum zu Abend, das so neu und modern ist, das man es genauso gut in Deutschland oder in den USA vermuten könnte. Während ich auf mein Essen warte und die Stimmung auf mich wirken lasse, mache ich eine Entdeckung, die mich postwendend zum Schmunzeln bringt:

Aha, das ist es also, was Philipp Lahm gestern meinte. Mir fallen die Fotos wieder ein, die mir mein einstiger Reiseführer Fahmi aus Baalbek während der Fußball-WM, bei der er sich als wahrer Deutschland-Fan entpuppte, regelmäßig per What's App zukommen ließ (siehe links). Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass seine Freude über den gewonnen Titel am Ende um ein Vielfaches größer war als meine und dachte seinerzeit schon: "Guck' an, wie sehr Fußball offenbar verbindet."

Nach dem Essen beobachte ich, wie George auf eine Gruppe von Mitarbeitern, die für das Aufräumen und Säubern der Tische zuständig sind, zugeht und sie innerhalb weniger Augenblicke zum Lachen bringt. "Darf ich fragen, wie du die in so kurzer Zeit zum Lachen gebracht hast?", möchte ich auf dem Weg zum Auto von ihm wissen, woraufhin er mir erklärt, dass diese Männer aus Bangladesch stammen - einem Land, in dem George vor seiner Arbeit hier im Libanon mehrere Jahre lang im Einsatz war. Er weiß, dass es ihnen fernab der Heimat und mit dieser Art von Arbeit nicht sonderlich gut geht. Also hat er ihnen gerade zur Aufheiterung die ersten Takte ihrer Nationalhymne vorgesungen.

Ich bin beeindruckt und amüsiert zugleich.

 

"Beim nächsten Mal, wenn ich ein Fußball-Länderspiel gucke, werde ich noch mehr auf die Hymnen achten.", nehme ich mir vor. Und vielleicht merke ich mir ja sogar die ein oder andere. Man weiß nie, wofür es gut sein könnte.

 

Der Abend hält noch viele weitere schöne und wahrhaftige Momente wie diese bereit - Momente gemeinsamen Lachens, Musizierens und Philosophierens (während George im Nebenzimmer - kein Scherz - Fußball guckt). Zu viele, um ihnen an dieser Stelle gerecht werden zu können. Es gibt eine Begebenheit, die aber zumindest einen kleinen Eindruck vermittelt: Am Ende des Abends stellt sich die Jüngste der drei Kinder von Anne und George vor mich und fordert mich auf, die Augen zu schließen. Daraufhin klebt sie mir begleitet von dem Gekicher der anderen etwas auf die Stirn. Es sei ein Geschenk an mich, betont sie, um sicherzugehen, dass ich nicht das Gefühl habe, sie wolle mich ärgern. Auf meiner Stirn klebt zur Belustigung aller für die nächsten Minuten, bis es an der Zeit ist, ins Bett zu gehen, ein Schmetterling. Ich liebe Schmetterlinge (wer nicht?). Mit dem Gefühl, soeben von einer 10-Jährigen geadelt worden zu sein, schlafe ich ein. Nach einem kurzen Geburtstagsfrühstück für den Ältesten der drei werden wir uns auf den Weg zum Flüchtlingslager machen.

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