Gelernt: Ganz genau hingucken

...ist die Erkenntnis, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten heutigen Tag zieht.

 

Ganz genau hingucken, wo wir da heute hinfahren, beispielsweise. Ich bin in manchem vielleicht mutig, aber das Abenteuer suche ich hier nicht. Der Libanon ist stabiler und friedlicher, als es die deutschen Medien darstellen, stelle ich fest, auch wenn manch Journalist schreibt, dass dieser Schein trügt. Es scheint, als hätte hier jeder seine ganz eigene Meinung zum Thema Sicherheit, und so bleibt mir letztlich nichts anderes übrig, als meinem Bauchgefühl und den Menschen, die ich für fähig und klug halte, zu vertrauen. Unbestritten ist, dass es nahe der syrischen Grenze Landstriche gibt, die sehr unsicher sind. Zahlé heißt die Stadt, in der sich u. a. das Flüchtlingslager befindet, das wir besuchen, und gilt als sichere Region. Um die 400 syrische Familien werden dort von George und seinem Team betreut.

 

Ganz genau hingucken gilt für mich auch, im Auge zu behalten, was meine Motivation betrifft. Wenn ich in Duisburg über den Libanon erzählen soll, dann ist es tatsächlich hilfreich, bestimmte Erfahrungen und Bilder zu machen, die ich teilen kann. Aber ganz ehrlich, Lust auf Sensation habe ich keine. Ich habe meine Kamera zwar dabei, aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob und wie ich sie einsetzen werde.

Eine sich in stetig neuer Schönheit offenbarende Landschaft, leckeres Essen auf dem Weg, Checkpoints, verrückter Verkehr, jede Menge Geschichten und Informationen zu einer Vielzahl von Themen,...es gibt vieles, was ich mit meiner Kamera und meinem Notizblock einfangen kann. Am Ende wird dieser Tag aber vor allem geprägt sein von einer Vielzahl von Fotos, die ich nicht mache bzw. online stelle. Dazu gleich mehr.

 

Ganz genau hingucken scheint zunächst angesagt, als wir nahe der Lagerhalle, in der die Essensrationen für das Lager verpackt werden, auf George warten. Neben der Halle sind ein paar Zelte von Flüchtlingen aufgebaut, die zu keinem der Camps gehören und sich hier niedergelassen haben, weil sich der Platz dazu offenbar anbot. Einen Schnappschuss von den Zelten und den Ziegen daneben wage ich. Kurze Zeit später kommt eine junge, schwangere Frau aus einem der Zelte, ein paar Minuten später auch ihre Kinder. Ich nehme den Blickkontakt mit ihnen auf, man lächelt sich zu. Und während wir da so stehen, gesellen sich mehrere der Bewohner aus den Zelten zu uns. Dank Annes Arabisch-Kenntnissen kommt es zu einem herzlichen Austausch. Herzlich in zweierlei Hinsicht. Denn während wir da so stehen, fällt mein Blick auf eine Mauer, vor der ich eben eine ganze Weile gestanden habe und vor der ich auch stand, als ich mein erstes Foto gemacht habe. Das Herz war mir bis gerade eben glatt entgangen:

Das Motiv von eben…

…wird bei meinem zweiten Anlauf zu diesem Foto:


Ein wahres Aha-Erlebnis.

 

Wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die ganz offensichtlich weniger besitzen als wir selbst, ist es wohl ein Reflex in vielen von uns, teilen zu wollen. Weder fällt mir in diesem Momentan spontan ein, was ich der Familie von dem, was ich heute bei mir habe, überlassen könnte, noch ist klar, ob es überhaupt klug wäre, mit einer solchen Geste anzufangen.

So banal es auch erscheint, erst im letzten Moment fällt es mir ein: Was ich ihnen zum Abschied geben kann, ist meine Hand. Und damit meine Wertschätzung. Also verabschiede ich mich von jedem von ihnen mit einem herzlichen Handschlag und wünsche ihnen mit dem wärmsten Lächeln, das ich in mir habe, alles Gute.

Wir sind schon auf dem Weg zum Auto, da kommt das schätzungsweise siebenjährige Mädchen hinter mir her. Die Kleine hat Gefallen an meiner Kamera gefunden, die ich aus Respekt vor ihr und ihrer Familie in den letzten Minuten weitestgehend ungenutzt in meiner Hand gehalten habe. Sie gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass sie sich wünscht, dass ich sie fotografiere. Ich bin etwas überrascht und mache nach kurzem Zögern zwei wunderschöne Fotos von ihr, die ich ihr daraufhin auf dem Display zeige, damit sie sehen kann, wie schön sie ist. Sie freut sich riesig. Weitere Kinder kommen auf mich zu und laden mich ebenfalls ein, sie zu fotografieren. Dieser kurze Moment des Fotografierens stellt sich nun als Gelegenheit heraus, mit ihnen in Kontakt zu treten. Ihnen mithilfe meiner Kamera zu verstehen zu geben: Ich sehe euch. Völlig überrascht von dieser Wendung steige ich ins Auto. Die Kinder und ich winken einander zum Abschied.

Wir fahren rüber ins Flüchtlingslager, und dort setzt sich diese Erfahrung fort. Die Kinder kommen auf mich zu, um von mir fotografiert zu werden, sobald sie meine Kamera entdecken. An die 15 Kinder fotografiere ich auf diese Weise an diesem Mittag und habe dabei offengestanden eine Menge Spaß mit den Kleinen. Sie lieben es, sich selbst auf dem Display sehen zu dürfen. Auffällig dabei: Auf mich wirken sie weitestgehend glücklich. Manche von ihnen strahlen regelrecht in die Kamera. Das mag auch ein bisschen mit mir und der Situation zu tun haben, aber unter’m Strich habe ich wirklich das Gefühl, diesen Kindern geht es gut. Irgendwie. Unglücklich zu sein hat offenbar viel damit zu tun, um die Dinge zu wissen, die man nicht hat. Diese Kinder kennen nur die Situation, in der sie sind, und sie sind offenbar zufrieden (ja sogar glücklich?) damit. Hm.

Entspannt, wie ich nun bin, erlaube ich mir den ein oder anderen Schnappschuss von der Stimmung vor Ort. Dabei bleibe ich vorsichtig und respektvoll den Bewohnern gegenüber und lasse sie auf mich zukommen. Sie wollen von Anne wissen, ob ich von der Presse bin. Offenbar haben sie Angst, ich könnte sie ungefragt fotografieren und irgendwie zur Schau oder bloßstellen. Es bleibt zu hoffen, dass sie nicht schon derartige schlechte Erfahrungen gemacht haben. Trotz allem sind sie neugierig und scheinen mich zu mögen, denn immer mehr Frauen (die Männer betrachten das Ganze eher aus der Distanz, wenn auch mit Wohlwollen) versammeln sich um mich. Irgendwann wird mir das mit der Sprachbarriere zu lästig, und ich fange an zu singen. „Wo man singt, da lass' dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.“, hat meine Großtante immer gesagt. Und siehe da, es wird applaudiert und gelacht. Und nun ist egal, wer welche Sprache spricht. Und nun bin plötzlich ich ein gefragtes Foto-Motiv. Smartphones (ziemlich alte Dinger, wie man sich denken kann, aber sie tun’s offenbar) tauchen auf, und es wird geknipst und gefilmt. Und vereinzelt geben mir die Frauen nun zu verstehen, dass ich sie mit meiner Kamera ebenfalls fotografieren darf. Es folgt eine Einladung in eines der Zelte - eine große Ehre, wie ich finde. Meine Kamera bleibt aus, und das nicht nur, weil es zu dunkel für Fotos ohne Blitz ist. Mit rund 20 Frauen und Kindern sitze ich nun im Kreis und werde aufgefordert, noch etwas für sie zu singen. Diesem Wunsch komme ich herzlich gerne nach. Vorher fordere ich jedoch die Kinder auf, etwas für mich zu singen. Und das tun sie auch. Momente, die sich allenfalls mit dem Herzen aufnehmen lassen und mich tief berühren.

Es folgen weitere Momente, in denen ich mich gegen meine Kamera entscheide. Da ist dieses eine Kind, das recht schüchtern wirkt und dennoch aufmerksam verfolgt, was passiert. „Friendship calls“ steht auf seinem T-Shirt. So passend mir dieser Titel als Überschrift für diesen Mittag erscheint, so unpassend erscheint es mir, das mit der Kamera einzufangen. Und dann sind da noch die drei Jungs, die von einem Sofa vor ihrem Zelt aus beobachten, was ich da so anstelle. Wirken sie zunächst skeptisch, so beginnen sie zu strahlen, als ich mit einem "Daumen hoch" zu ihnen 'rüberlächle. Auch das ein Motiv, das ich allenfalls mit meiner inneren Kamera festhalte. Oder die wunderschöne junge Frau, die gerade Wasser abfüllt und uns ohne jegliches Zögern und mit einem strahlenden Lächeln in ihre Zeltstraße einlädt.

Ein Blick auf das Tal, in dem sich das Flüchtlingslager befindet.
Ein Blick auf das Tal, in dem sich das Flüchtlingslager befindet.

Unser Besuch neigt sich dem Ende zu. Anne ist erstaunt darüber, wie viel Spaß wir heute mit den Familien hatten. Und auch ich muss zugeben: Bedrückend war das hier nicht. Keine Frage, die Armut und Not dieser Menschen machen betroffen. Sehr sogar. Aber es überwiegt der Eindruck, dass hier vor Ort eine Menge getan wird (und das von einer Vielzahl von Organisationen und Helfern), um den Menschen zu helfen und dass eben diese Menschen sehr dankbar dafür sind. Und dass sie sich selbst und einander helfen. Sie - allen voran die Kinder - nehmen ihre Situation mit einer bemerkenswerten Fassung und Anmut, die sich schwer in Worte fassen lässt und mich erleichtert. Was auch immer die Medien transportieren - der Verdacht bestätigt sich, dass das eben nur eine Interpretation, ein Fragment der Wahrheit ist. Womit wir wieder bei der Wand von vorhin sind.

Ganz genau hingucken (und genießen) heißt es für mich nicht nur auf der Rückfahrt in Anbetracht der wunderschönen Landschaft, sondern vor allem nach der Rückkehr in mein Domizil bei den Adaimis. Was mache ich nur mit den Fotos, um die mich die Kinder gebeten haben? Irgendetwas in mir fühlt sich unwohl dabei, sie zum jetzigen Zeitpunkt in irgendeiner Weise zu verwenden. Sicher, man könnte ihre strahlenden Gesichter, die von Zuversicht, Freude und Unbeschwertheit zeugen, in einem Blog als eine Art Aufruf verwenden, sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen. Doch die Einsicht ist stärker, dass es bei all dem heute letztlich eben nicht um die Fotos ging, sondern darum, dass ich jedes einzelne von diesen Kindern in dem jeweiligen Augenblick gesehen habe. Dass ich mit ihnen diese Momente geteilt habe. Was sie mir in diesen Momenten entgegengebracht haben, scheint schlichtweg zu kostbar, um in Kauf zu nehmen, es in irgendeiner Weise zur Schau zu stellen. Was aus diesen Fotos werden wird - ich weiß es nicht. Für heute bleiben sie auf meiner Festplatte.

Ganz genau hingucken - für mich bedeutet das heute nach einem gewissen Hadern mit mir selbst, einen besonderen Moment einen besonderen Moment sein zu lassen und mit einem Geschenk, das man mir gemacht hat, behutsam umzugehen.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0