Gelernt: Jetzt ist Jetzt.

Als unser Fahrer George Jens und mich zur deutschen Schule fährt, in deren Aula wir heute Mittag ein Konzert für die Schüler geben werden, gehe ich in Gedanken den Ablauf dieses Tages durch. Da ist ist der Auftritt in der Schule heute Mittag, und heute Abend spielen wir in der AUB (Amerikanische Unversität Beirut). Dazwischen, so hat man uns angeboten, können Jens und ich einen Ausflug zur Pilgerstätte Harissa machen. Die Seilbahn dorthin fährt in unmittelbarer Nähe der Schule ab. Und während ich so den Tag überblicke, merke ich mir eine gewisse Anspannung an. "Das ist ein ganz schön volles Programm.", klinkt sich mein Kopf ein. Habe ich die richtigen Klamotten für beide Konzerte ausgesucht? Habe ich beim Packen für den heutigen Tag an alles gedacht? Werden Jens und ich die neuen Songs, die wir ins Programm genommen haben, hinbekommen? Werden die Schüler dieses mal wieder so lebhaft und geradezu unbändig wie beim letzten Mal sein? Wird es wieder so einen schlimmen Stau zwischen Jounieh und Beirut geben? Werde ich mit meiner Kraft bis heute Abend hinkommen? 

 

Da fällt sie mir wieder ein - die Erkenntnis, die mich in den letzten Monaten so oft schon beruhigt und mir dazu verholfen hat, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren:

 

Jetzt ist jetzt.

 

Und jetzt gerade sitze ich im Auto und darf bei strahlendem Sonnenschein unbekümmert auf dem Rücksitz die Landschaft genießen. Das Gefühl das Angespanntseins verwandelt sich in Vorfreude. Nein, es wird bei unseren Auftritten nicht darum gehen, besonders gut zu sein oder auszusehen. Es wird darum gehen, den Menschen offen zu begegnen. Alles andere wird schon irgendwie hinhauen. Also: Locker bleiben und genießen.

 

Und so wird dieser Tag eine Aneinanderreihung von "Jetzts" und Begegnungen:

 

  • Ein herzliches Willkommen der Schulleitung, die uns jeden Wunsch von den Lippen abliest.
  • Ein Konzert, bei dem wir es dieses Mal mit etwas älteren Schülern (12 - 14 Jahre) als beim letzten Mal zu tun haben, die sich mitreißen lassen und über weite Strecken aufmerksam zuhören. Wenn ich auch nassgeschwitzt von der Bühne gehe (Interaktion mit einem jungen Publikum kostet eben ihren Preis) - für ein schnelles Selfie mit den Schülern reicht es sogar noch (siehe oben).
  • Eine angenehme Auszeit in der Seilbahn und auf der Aussichtsplattform. Plus Mittagessen. Plus 1000 Mal den Ausblick genießen. Und jede Menge Fotos.
  • Eine erstaunlich geschmeidige Autofahrt nach Beirut mit einem fröhlichen George hinter dem Steuer, der sich nach ein wenig Zuspruch sogar von mir fotografieren lässt (siehe oben).
  • Ein leckerer Cappuccino nahe des Campus inkl. Katze (siehe oben).
  • Ein lustiger Schlagabtausch mit zwei Soldaten, die an einem der Campus-Eingänge positioniert sind und Jens' Cajòn für eine Bombe halten (kein Spaß). Kaum stellen sie fest, dass wir harmlose Musiker sind, wird gemeinsam darüber gelacht. So nah liegen die Dinge oft beieinander.
  • Ein extrem herzlicher und fähiger Klavierstimmer, der uns in der Assembly Hall der Universität erwartet, um sicherzustellen, dass ich mit dem Klang des frisch gestimmten Steinway-Flügels einverstanden bin.
  • Ein herzliches Wiedersehen mit Mitarbeitern der Universität, die sich noch an uns erinnern.
  • Ein gut besuchtes Konzert mit zwei Song-Premieren, zu denen ich mich mit ein wenig Überwindung tatsächlich durchringen kann. Humorvolle bis besinnliche Interaktion mit dem Publikum. Und zum Schluss stehende Ovationen. Fotos von den Leuten, mit denen ich im Anschluss an unser Konzert spreche, mache ich keine. Mir ist einfach nicht danach. Abgesehen davon machen die Konzertbesucher etliche Fotos von uns. Würde mich nicht wundern, wenn das eine oder anderen davon in den kommenden Tagen auf Facebook auftaucht.
    Apropos Fotos: Während des Konzertes zeige ich auf meinem iPad den Mond über der goldenen Leiter in Duisburg. Danach zeige ich ein Foto des Mondes, den ich im Anflug auf Beirut vor ein paar Tagen fotografiert habe. Der Mond ist nicht das einzige, das uns verbindet, kommentiere ich diese Bilder. Ich ziehe daraufhin eine Parallele zwischen Duisburg und dem Libanon - unterschätzt, voller Potential und besonders liebenswert durch die Menschen. An diesem Abend spiele ich "Schon allein für den Mond" als Liebeslied an den Libanon. Ich schätze, die Duisburger werden damit einverstanden sein.



  • Eine fantastische Falafel, die ich mit George schon heute Mittag vereinbart habe und die er nun, nach getaner Arbeit, auf dem Heimweg für uns klarmacht. Der Rest der Fahrt ist begleitet von gemeinsamen Scherzen und einer leider erfolglosen Suche nach Eis, das man mir als Trostpflaster für morgen verspricht. Ok, mehr Zeit für Vorfreude.
  • Die restlichen (und angesichts der Tore vielleicht auch interessantesten?) 10 Minuten des Länderspiels Spanien - Deutschland, die Jens und ich im Wohnzimmer der Adaimis zu sehen bekommen. Die einstündige Zeit-Differenz zu Deutschland macht es möglich.
  • Ein äußerst interessantes und über weite Strecken auch amüsantes Gespräch mit Lotti im Anschluss daran. Man muss es lieben, wenn sie aus dem Nähkästchen plaudert und - wie in diesem Falle - von einem japanischen Botschafter im Libanon erzählt, der vor einigen Jahren nur knapp einem Mediendisaster entging, nachdem er Plantagen subventioniert hatte, die sich beim Pressetermin als Hanf-Plantagen herausstellten. Hätte ein Journalist ihn nicht im letzten Moment darauf hingewiesen - er hätte sich stolz vor einer solchen Plantage ablichten lassen. Nicht auszudenken, was seine Regierung davon gehalten hätte, wenn sie den Medien entnommen hätte, dass die japanische Botschaft deartige Unternehmungen im Libanon unterstützt.
  • Eine ergreifende Ausgabe von "Die Anstalt", die ich in der ZDF-Mediathek laufen lasse, während ich die heutigen Fotos selektiere und editiere. Nicht nur, dass der Libanon im Zusammenhang mit der Aufnahme von Flüchtlingen eindrucksvolle Erwähnung findet - am Ende der Sendung kommen auch syrische Flüchtlinge zu Wort. Das berührt und bewegt mich zu einem Zeitpunkt, zu dem ich in der Annahme bin, dass dieser Tag eigentlich schon genügend Eindrücke und Input für mich bereit gehalten hat. Und auch hier spielt Musik in Form eines syrischen Chors eine zentrale Rolle.
    Der stärkste aller Eindrücke heute - wie so oft: Musik öffnet Türen. Musik verbindet. Oder, um es mit den Worten eines Konzertbesuchers von heute Abend zu sagen: Die Musik habe ihn sprachlos, aber vor allem glücklich gemacht.

 

Und jetzt ist Schlafenszeit.

 

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