Gelernt: Tanzend von der Bühne

Wird man im Laufe der Jahre routinierter in Sachen Auftritte? Ja.

Bedeutet das, dass man seine Songs und Anmoderationen aus dem Ärmel schüttelt? Nein.

Jens würde jetzt vermutlich hinzufügen: Man kann nur aus dem Ärmel schütteln, was man vorher auch hineingesteckt hat.

 

Routine hin oder her - was ich an meinem Beruf liebe, sind die unvorhergesehen Momente. Die Momente, in denen ich neue Ideen umsetze und Dinge ausprobiere. Die Momente, in denen ich mich selbst überrasche. Einen solchen Aha-Moment habe ich heute.

 

Jens und ich haben uns gegen das Touristen-Programm entschieden, das man uns für heute angeboten hat, um nach dem (eindrucks-) vollen gestrigen Tag entspannen zu können, ehe es heute Abend in der Aula des deutschen Kulturzentrums in Jounieh wieder auf die Bühne geht. Weniger ist manchmal oder vielleicht sogar oft mehr. Anstelle von Sightseeing sitzen wir also lange Zeit auf der Terrasse und genießen den Ausblick. Ohne Kamera. Mich erinnert der Anblick von Beirut, dem Mittelmeer und den Häusern und Straßen an das Miniaturen Wunderland in Hamburg (übrigens sehr empfehlenswert). Da hatte ich einen ähnlichen Effekt: Je länger ich geguckt habe, desto faszinierter war ich. Zwischen 15 und 17 Uhr, wenn die Sonne über Beirut untergeht, ist das hier auf der Terrasse für mich fesselnder als Kino. Und erholsam obendrein. Und das ist im Hinblick auf unseren dritten Auftritt innerhalb von so kurzer Zeit wichtig.

 

Als ich mich ein paar Stunden später zwischen Soundcheck und Konzert im Backstage-Bereich aufhalte und für den Auftritt sammle, merke ich mir eine gewisse Gedämpftheit oder Schwere an. Als ich im Kopf die möglichen Gründe dafür durchgehe, habe ich dafür sogar Verständnis. Nur hilft das nicht weiter, wenn man in wenigen Minuten auf die Bühne treten wird mit dem Auftrag, ein Publikum, von dem man weiß, dass es mit hohen Erwartungen gekommen ist, zu unterhalten. Schicksalsergeben führe ich eine Art inneren Dialog mit mir selbst: "Du gibst heute einfach dein Bestes. Wie immer. Und ganz egal, was hier gleich auf der Bühne passiert, heute Abend guckst du in den Spiegel und klopfst dir auf die Schulter. "

 

Als ich kurz vor unserem Auftritt einen Blick durch den Vorhang wage, entdecke ich im Publikum Samir. Samir ist jener Konzertbesucher, der vor knapp vier Jahren nach unserem Konzert in Tripoli davon sprach, wir hätten für ihn an jenem Abend das Licht nach Tripoli gebracht - eine Aussage, die lange in mir nachklang und nachhaltig mein Verständnis des Berufs, den ich ausübe, verändert bzw. erweitert hat. Auch 2012, als ich alleine im Libanon zu Gast war, kam Samir zu einem meiner Konzerte. Und heute ist er wieder da. Mit seiner Frau, die er mittlerweile hat. Wow. Ich entdecke weitere bekannte Gesichter im Publikum - "Wiederholungstäter" von gestern und aus den Vorjahren.

 

Ich treffe auf ein Publikum, das so aufmerksam und wertschätzend zuhört, dass ich mich davon getragen fühle. Von Gedämpftheit oder Schwere keine Spur mehr. Von all den Konzerten, die ich bislang gegeben habe, wird dies schlussendlich eines jener Konzerte sein, bei dem ich besonders zufrieden und mit dem Gefühl von der Bühne gehe, dass alles gepasst hat und genau richtig war. Korrektur: Ich gehe nicht von der Bühne. Ich tanze. Und das ist neu und spontan. Nach unserer letzten Nummer bittet man eindringlich um eine Zugabe. Wir beschließen den Abend mit "Thankful for the Sunshine". Gegen Ende des Songs animiere ich die Leute zum Mitsingen. Und das machen sie für mein Empfinden mit so viel Überzeugung, dass ich zu dem spontanen Schluss komme, dass ich sie genau damit zurücklassen möchte. Während das Publikum singt und Jens noch trommelt, tanze ich in Richtung Bühnenabgang und verschwinde. "Du darfst jetzt aufhören zu trommeln.", rufe ich von dort zu Jens rüber. Ein spontanes und umso stimmigeres Ende eines für mich denkwürdigen Abends.

 

Die nächste Stunde verbringe ich mit dem Signieren von CDs, Fotos und Selfies, Blumensträußen und der Koordination verschiedener Verabredungen mit Leuten, mit denen wir uns vor unserer Abreise noch treffen werden. Irgendwie hektisch, aber vor allem auch echt schön. Und immer wieder gebe ich das Versprechen, dass ich wiederkommen werde. Die letzte Amtshandlung dieses Tages wird ein Eintrag im Gästebuch des Kulturzentrums. Als ich mich gerade an einem Männchen versuche, das Jens ähneln soll (siehe oben), gesellt sich ein Herr mit einem goldenen Füllfederhalter zu mir und beginnt, meinen Eintrag mit goldener Farbe zu ergänzen. Bernard Sader ist der Künstler, der just am heutigen Abend eine Ausstellung seiner Bilder im Kulturzentrum feiert. Hier stehen wir nun als und malen miteinander - eine deutsche Musikerin und ein libanesischer Künstler.

 

Es sind genau diese Momente, warum ich in den Libanon gekommen bin.

 

Und nach anfänglicher Mühe bin ich glücklich von der Bühne getanzt. Wer hätte das gedacht. Wieder was gelernt.

 

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