Vom Opfer zur Schöpferin bei der up*satz f

Foto 7 - 14: Sarah Köster/BECKDESIGN GmbH

Meine erste Konzertreise in den Libanon hat mir seinerzeit die Augen geöffnet dafür, dass man nicht "nicht politisch" sein kann. Man kann sich die Freiheit nehmen, zu bestimmten Themen keine Meinung bzw. Haltung zu haben. Sich raushalten. Letztlich trifft man aber auch damit eine Entscheidung; wird damit unter Umständen sogar zur ungewollten Unterstützung - für Entwicklungen beispielsweise, die man später bedauert. Nichts-sagen und Nichts-tun fungieren seit jeher als Zustimmung, auch wenn das eine unbequeme Wahrheit ist, die uns zu der noch unbequemeren (wenn auch aufregenden!) Frage führt:

 

Was können, ja müssen wir heute sagen und tun, um uns später nicht den Vorwurf zu machen, uns weggeduckt zu haben?

 

Dieses und alle folgenden Bilder sind am Duisburger Innenhafen entstanden.
Dieses und alle folgenden Bilder sind am Duisburger Innenhafen entstanden.

Jedenfalls stelle ich mir diese Frage in den letzten Monaten immer wieder und ringe regelrecht mit mir selbst und meinen (künstlerischen) Antworten darauf. Das betrifft mein Verständnis von Demokratie, Frieden, gesellschaftlichen Werten und Klimaschutz ebenso wie Gleichberechtigung. Mit Letzterer habe ich mich in den vergangenen Wochen bedingt durch die #metoo-Debatte und diverse Anfragen zu "Frauenthemen" mehr als sonst auseinandergesetzt.

 

Davor war es vor allem der Libanon, der mich von Reise zu Reise für die Vorbildfunktion sensibilisiert hat, die mir offenbar zukommt, wenn ich dort, wie hierzulande, auf die Bühne gehe. Bin ich dort, verkörpere ich gewissermaßen, wie weit wir in Deutschland in Sachen Gleichstellung bereits gekommen sind. Bin ich hier, geht es mehrheitlich um die Notwendigkeit, nicht nachzulassen, bis wir faire, also gleiche, Rahmenbedingungen geschaffen haben.

 

Wie (bewusst) gehe ich mit dieser Vorbildrolle um, in die ich eher "hineingeraten" bin, als dass ich sie mir ausgesucht habe?

 

Als Unternehmerin, die ich bei all meinen künstlerischen Aktivitäten ja auch bin, nehme ich gelegentlich an reinen Frauenveranstaltungen teil. Ich tue dies oft mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist es schön und inspirierend, mal "unter seinesgleichen" zu sein und sich entsprechend offen austauschen zu können. Andererseits bringt es uns in meiner Überzeugung nicht weiter, wenn wir mehr über ein gleichberechtigtes Miteinander zwischen Frauen und Männern sprechen, anstatt es miteinander zu besprechen und schlussendlich zu leben.

 

Interessanterweise habe ich mich in meiner Rolle als Frau in den letzten Jahren selten bis gar nicht benachteiligt gefühlt, auch wenn ich es in meiner Arbeit häufiger mit Männern als mit Frauen zu tun habe. Eher schon nehme ich eine Benachteiligung wahr, wenn es um die Art und Weise geht, wie unsere Gesellschaft mit Künstlern bzw. dem Wert von Kunst und Kultur umgeht. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass sich jeder von uns je nach Situation und Betrachtung einer benachteiligten Minderheit zugehörig fühlt. So oder so stellt sich da für mich die Frage:

 

Wie werden wir vom Opfer zum Schöpfer bzw. zur Schöpferin?

 

Mit Fragen wie diesen im Sinn kam Ende letzten Jahres auch die wunderbare Nadine Jentz auf mich zu, die mit ihrer Veranstaltung up*satz f am 22. März im exzenterhaus businessclub in Bochum zum zweiten Mal ein Forum gab für "Frauenthemen", die letztlich doch weit über eben diese hinausgehen.

 

Inspiriert von den Gegebenheiten vor Ort, ging ich bei meinem künstlerischen Grußwort gleich zu Beginn der Veranstaltung der Frage nach, wie man aus einer Wand, der man im Alltag ebenso wie im Kopf begegnen kann, den ersehnten Wandel machen kann. Dass die Damen im Publikum dieser offenen, persönlichen und pragmatischen Herangehensweise in Form von Erfahrungen und Erkenntnissen mit so viel Dankbarkeit und Zuspruch begegneten, hat mich nicht nur riesig gefreut, sondern auch ermutigt.

 

✶ Und Lust gemacht auf mehr ...

...leidenschaftliche Gespräche dieser Art über das, was uns wirklich weiterbringt.

 

...Spaß und Leichtigkeit im Umgang auch und v. a. mit den "schweren" Themen.

 

...Menschen, die sich an (gerne auch große!) Ideen wagen.

 

...Wandel  ⤷ ⤴︎.

Wandeln = Handeln. Bin ich neugierig, was das für mich und uns alle in der nächsten Zeit bedeuten kann!

 

Zitiere ich abschließend doch noch aus dem Song einer geschätzten Duisburger Musikerin, die es besser auf den Punkt bringt, als es mir gerade gelingen würde:

 

Wir können nichts festhalten, aber Haltung bewahren

und uns treu bleiben in all den Jahren.

Dies ist jener Augenblick, von dem wir später sprechen.

Dies ist jener Zauber, wenn die neuen Zeiten anbrechen.

 

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