Gedankenpause

Eine Zeitung hier in Duisburg hat gestern einen Artikel über mein » Wir Zugvögel « Konzert am vergangenen Samstag abgedruckt und mir dabei „platte Texte“ attestiert. Das hat mich nicht nur verblüfft, sondern war auch der Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Gedanken.

Einer der humorvolleren ist: „Was, wenn nicht platte Texte, waren bei der Vorstellung einer Platte denn zu erwarten?“

Aber es gibt eben auch die ernsten. Und weil diese Gedanken hoffentlich sehr viel größer sind als der Verdacht, ich könne nicht mit Kritik umgehen, möchte ich sie mit Euch teilen.

Es geht in diesen Zeilen nicht um die Grenze zwischen Journalismus und Zynismus, auch wenn ich darauf gerne eingehen würde.

Es geht um unseren Umgang mit Sensibilität.

Meine Vorträge, Moderationen und Aufträge in der Wirtschaft führen mich mit einer Vielzahl von Menschen zusammen. Regelmäßig vertrauen sie sich mir zwischen beruflicher Überforderung und persönlicher Sinnsuche an.

Jedes Mal wieder staune ich, wenn hinter einem routiniert-uninspirierten Auftreten ein verletzlicher Mensch voller Ideen zutage tritt.

Dabei wiegt für mich beides gleich schwer: meine Freude auf der einen Seite, dass sich Menschen in meinem Beisein derart öffnen und ihrem inneren Ausdruck verleihen; meine Betroffenheit auf der anderen Seite, dass sie sich das offenbar nur sehr selten trauen.

Und dann ist da noch die Grundschule, an der ich seit eineinhalb Jahren in Form musikalisch-kreativer Aktivitäten wirke.

Vormittags mit den Erstklässlern am Klavier, nachmittags mit den Agentur-Chefs beim sinnhaften Hinterfragen ihres Geschäftsmodells.

Es ist, als schlüge das Leben Woche für Woche, direkt vor meinen Augen, einen Bogen zwischen der anfänglichen Unbeschwertheit der Kinder und der fortgeschrittenen Versehrtheit der gerade erwähnten Erwachsenen. Ich sehe, wie die Kinder die Strategien der Erwachsenen übernehmen, wie auch sie beginnen, die eigenen Empfindungen zu verklausulieren.

Und Woche für Woche frage ich mich: Wie können wir dennoch Raum geben für Sensibilität und Verletzlichkeit? Wie können wir hier und dort einen Raum schaffen, in dem sich Menschen trauen, die zu sein, die sie sind oder sein mögen?

Heute frage ich das Euch. Euch, von denen ich ahne, dass Euch diese oder ähnliche Themen umtreiben; die Ihr hier in Duisburg lebt und/oder mir von Zeit zu Zeit mit Euren Anliegen über den Weg lauft; die Ihr mir poetische Botschaften tiefer Wertschätzung sendet; die Ihr zu Tränen gerührt nach Konzerten vor mir steht; die Ihr mir in beruflichen Gefilden begegnet (seid) mit all Eurem Menschsein.

Gedankenpause.

Kurioserweise hat der Autor des erwähnten Artikels die folgenden Zeilen für „platt“ befunden:
„Teilen ja, urteilen nein.
Bewertung muss nicht sein.“

Es entbehrt einer gewissen Ironie nicht, dass er sie für abgedroschen hält, während der bewertende Ton seines Artikels deren Aussage unterstreicht.

Vielleicht ist das, was wir oberflächlich als platt erachten, ja auch Ausdruck von Klarheit, sobald wir uns darauf einlassen?

Ich stehe selbstredend voll und ganz hinter diesen Reimen: Ich finde, wir sollten lernen, uns mitzuteilen, ohne einander dafür zu verurteilen. Bewertungen bringen uns nicht weiter. Erfahrungen indes schon:
„Was ist schon groß und klein?
Für jede Ehrenrunde
gibt‘s ne Sonderurkunde“,
geht der zitierte Song „Mit 103“ übrigens weiter.

An dieser Stelle darf, ja muss auch mein Herz als Texterin noch zu Wort kommen mit einer Gegendarstellung:

Es gibt einen Unterschied zwischen einer platten Phrasendrescherei, die ohne (Tief-) Grund und auf Verdacht zusammenschustert, und einer klaren Botschaft, die einer umfänglichen Auseinandersetzung folgend und bisweilen pointiert formuliert wird. Und ja, vielleicht wird dabei auf intellektuelle Nebelbomben sprachlicher Art verzichtet – beispielsweise der Erkenntnis entspringend, dass die wichtigen Dinge im Leben keiner Fremdwörter bedürfen. Diese klare, eindeutige Festlegung auf wenige Worte wäre im Auge jüngster Ereignisse sogar Ausdruck einer mutigen Haltung, die in Kauf nimmt, unterschätzt zu werden.

Gedankenpause.

Wäre es eigentlich „platter Journalismus”, wenn man kein Wort darüber verlöre, wie wundervoll Anja Schröders Cello klang und die Herzen ergriff? Wenn man es unter den Tisch fallen ließe, was Jens Otto aus der kleinen Kiste von Cajòn herausholte und mit kleinem Besteck zu reißen imstande war? Wenn man es unerwähnt ließe, dass anstelle der ursprünglich geplanten 2 x 45 Minuten 80 Minuten am Stück bestritten werden mussten und dies ein Kraftakt war, den das durchgängig maskierte Publikum ebenso wie die Musizierenden ganz im Sinne der Kultur auf sich zu nehmen bereit waren? Wenn man es unterließe, ins Publikum hineinzuhorchen, um zu erfahren, dass es über weite Strecken zu Tränen gerührt war? Wenn man das Konzert gar vorzeitig verließe oder es vor seinem Urteil versäumte, sich allen Liedtexten zu widmen?

Den Nachnamen der Künstlerin mehrfach falsch zu schreiben – das, wahrlich, wäre platt.