Gelernt: Chillen

Die Ansage für heute ist, den Sonntag einen Sonntag sein zu lassen und zu entspannen. Und das in Kombination mit einer Verabredung in dem eine halbe Autostunde entfernten Beirut.


Wie wichtig "Chillen" ist, habe ich durch meine Selbständigkeit gelernt. Das Lernen hört nicht auf, wenn es darum geht, tatsächlich auch im richtigen Moment den Absprung zu finden. Die Erfahrung lehrt: Wenn ereignisreiche Zeiten wie diese im Gange sind, ist es umso schwerer, aber eben auch wichtiger, innerlich wie äußerlich zu entschleunigen. Und so lerne ich heute mal wieder, zu entspannen und vor allem auch entspannt zu bleiben. Damit spiele ich auf die Tatsache an, dass es geschlagene zwei Stunden dauert, bis das für mich bestellte Taxi seinen Weg zum Domizil der Adaimis findet, um mich abzuholen.


Nach unzähligen nervenaufreibenden Telefonaten stellt sich heraus, dass etwas in der Zentrale schiefgelaufen ist und der Fahrer, mit dem ich bis zu diesem Zeitpunkt fünf Mal (oder noch öfter) telefoniert habe, gar nicht über die nötigen Ortskenntnisse verfügt, um mich zu finden. Wer jetzt an Navi und Google-Maps denkt, dem sei gesagt: Die Uhren ticken hier anders, und so einfach ist das hier tatsächlich nicht, wenn man sich nicht auskennt. Ich nehme es gelassen und freue mich umso mehr, als irgendwann ein Wagen (gefahren von einem anderen Fahrer desselben Taxi-Unternehmens - der andere Fahrer hatten offenbar aufgebgen) vorfährt und es endlich losgehen kann.


Ich bin am Zaitunay Bay in Beirut mit meiner Bekannten Kholoud verabredet, die ich bei meiner letzten Reise kennen und schätzen gelernt habe. Ich stehe seit meiner Ankunft im täglichen Kontakt mit ihr, und sie erkundigt sich regelmäßig nach meinem Wohlergehen. Die Freude ist groß, als ich endlich aus dem Taxi steige. So gehaltvoll und inspierend der Austausch mit ihr ist, so entspannt sind auch die Stunden, die ich heute in Beirut verbringe. Stichwörter: Cappuccino und Kuchen mit Blick auf die Bucht und das Mittelmeer, später dann ein leckeres italienisches Abendessen in der Gesellschaft von Kholouds Mann und einem ihrer drei Söhne.


Kholoud erzählt mir von ihrer Kandidatur für das libanesische Parlament und von einem Gipfeltreffen in Ruanda, zudem sie unlängst eingeladen wurde und bei dem es um die Gleichtstellung der Frau ging. Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass Ruanda, jenes Land, das ich vor allem mit dem Völkermord in den 90-ern assoziere, das erste Land ist, in dessen Parlament heute eine Mehrheit an Frauen sitzt. Das erstaunt mich. Es sind spannende Themen wie diese, die ich nach meiner Rückkehr und ein wenig Lektüre im Internet am liebsten an dieser Stelle vertiefen würde, aber ich habe mich ja für Entspannung entschieden. Und überhaupt hatte ich ja eigentlich angekündigt, es in diesem Blog eher bei knackigen Aha-Erlebnissen und Lernschleifen zu belassen. Ich fasse mich mit dem Schreiben heute also möglichst kurz und gebe dem Swimming Pool der Adaimis den Vorzug, in dessen Genuss ich bislang noch nicht gekommen bin. Dabei lerne ich, wie viel Spaß Schwimmnudeln machen können. Aber das nur am Rande.


Auch meine Gastgeberin Lotti, wissbegierig wie sie leibt und lebt, lernt dieser Tage übrigens zum Thema Entspannung dazu: Ich habe ihr vorgestern ihr das Wort "chillen" erklärt und sie herausgefordert, es in ihren aktiven Sprachgebrauch zu übernehmen, um damit bei nächster Gelegenheit ihre Enkel aus der Reserve zu locken. Dass sie mit ihren über 80 so viel Freude am Erweitern ihres Horizonts hat, macht sie umso liebenswürdiger. Sie wird das Wort einzusetzen wissen, da mache ich jede Wette.


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