Gelernt: Die Vorteile eines Staus

Eines meiner absoluten Lieblingsbilder, die bislang auf dieser Reise entstanden sind, ergibt sich heute Nachmittag, als wir im Stau stehen. Lerne: Auch ein Stau bringt große Vorteile mit sich.

Dem voraus geht ein Ausflug zur nahe gelegenen „Jeita Grotto“ - einer Grotte bestehend aus zwei so wunderschönen Höhlen, dass die Grotte unlängst beinahe zu einem der Weltwunder erklärt worden wäre. Wundersam ist für mich heute zunächst der Umstand, dass in den Höhlen striktes Fotografier-Verbot besteht. Bei genauerer Betrachtung aber finde ich das nicht nur konsequent, sondern auch sehr angenehm. Auf diese Weise steht das Wahrnehmen und Genießen dieses überwältigenden und von der Natur über tausende von Jahren geschaffenen Kunstwerkes im Vordergrund. So etwas habe ich wahrlich noch nicht gesehen. Beim Eintritt schießen mir vor Rührung kurz die Tränen in die Augen. Diese Schönheit und Ruhe. Woher das Wort „grottenschlecht“ stammt, ist mir spätestens nach diesem Besuch ein echtes Rätsel, denn was ich hier sehe, gehört mit zu den eindrucksvollsten Sightseeing-Attraktionen, die ich je gesehen habe.

Während in Duisburg heute der Weihnachtsmarkt eröffnet, genießen wir anschließend bei sommerlichen Temperaturen den wunderschönen Ausblick und einen arabischen Kaffee in der Sonne, ehe es weiter geht zu unserer Verabredung mit Ursula, einer Bekannten, die ich (seinerzeit noch mit ihrem Mann Yussuf, der leider im letzten Jahr verstorben ist) durch kuriose Umstände bei meiner letzten Reise kennenlernen durfte. Auf dem Weg zu ihr geraten wir in gleich mehrere Staus. Das habe mit dem Ende der Schule zu tun, erklärt uns George. "Für mich ist das super.", versichere ich ihm. „So habe ich mehr Zeit für bestimmte Fotomotive.“ Und tatsächlich, kurze Zeit später entsteht der besagte Schnappschuss.

Pünktlich zu unserer Verabredung schaffen wir es dennoch, und die Zeit reicht sogar noch für ein Blumenmitbringsel. Der Austausch mit Ursula, die schon seit einigen Jahrzehnten mehrere Monate im Jahr im Libanon verbringt, ist wie immer sehr spannend. Sie war bei unserem Konzert in Jounieh gestern Abend und erwähnt, dass ich mit meiner Bühnenpräsenz auch als Vorbild für die hiesigen Frauen fungiere. Darüber habe ich mir bisher noch gar keine Gedanken gemacht. Viele Eindrücke und Erkenntnisse nehme ich schließlichaus dem herzlichen Zusammensein mit Ursula mit. Neben ihrem umfassenden Wissen über den Libanon beeindruckt mich mal wieder ihr Mut und Pragmatismus. Und, nicht zu vergessen: ihre Herzlichkeit.

Ähnlich tiefgreifende und inspirierende Eindrücke nehme ich zu einem späteren Zeitpunkt aus den Gesprächen mit, die sich beim Abendessen mit Lotti, ihrem Mann Faouzi und Lottis Bruder und dessen Frau ergeben. An Abenden wie diesen würde ich so gerne ein Diktiergerät mitlaufen lassen. Klar ist:

 

Ich kann diese Reise so achtsam dokumentieren, wie es eben mein Zeitplan hier zulässt, um meiner Erinnerung für später eine Brücke zu bauen.; ich kann darüber bloggen, um diese vielen Kostbarkeiten mit Menschen zu teilen, die nicht dabei sind; ich kann Fotos machen und damit Eindrücke vermitteln und Stimmungen transportieren; und vielleicht habe ich dabei sogar das Glück, von Zeit zu Zeit Momente wie das Rockstar-Mädchen im Auto zu erwischen.

 

Vieles jedoch wird sich nicht einfangen lassen. Und darum geht es am Ende auch gar nicht. Es geht darum, die Welt, das Leben und den Moment in all dieser Schönheit zu genießen. So wie in der Grotte. Und all das gilt nicht nur für meine Zeit hier im Libanon.

Ein letztes Wort zum Thema „Stau“: Den gibt es heute offenbar auch im Internet oder zumindest in unserer Leitung. Jedenfalls ist es um ein vielfaches langsamer als sonst. Mit viel Mühe und Geduld reicht es am Ende für das Hochladen dieses Blog-Artikels. Vorteil an der Sache: Ich mache heute mit dem Grundsatz ernst, dass weniger mehr ist und lade lediglich dieses eine Bild hoch. Die anderen Eindrücke folgen dann eben später.

 

...und da sind sie:

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