Gelernt: Mit glücklichem Hähnchen auf der Bühne

Früher dachte ich: Für gewisse Dinge muss man sich bereit fühlen. Heute weiß ich: Für bestimmte Dinge wird man sich nie bereit fühlen. Entweder, man legt einfach los, oder man lässt es eben bleiben.

Als ich heute Abend auf die Bühne trete, fühle ich mich für einen kurzen Moment lang nicht bereit. Und dann beschließe ich: Klar bin ich bereit.

Dem voraus geht ein entspannter (allenfalls das instabile Internet ist heute ein wenig mühsam, aber selbst das nehme ich recht gelassen) Nachmittag im Hause Adaimi und ein Zwischenstopp in Batrun auf dem Weg zu unserem Konzert in der Universität von Balamand nahe Tripoli. Schöne Eindrücke zweier Kirchen direkt am Meer und eine extrem leckere Zitronen-Limonade, für die Batrun über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist, stärken uns für unser Konzert. So friedlich und harmonisch der Sonnenuntergang anmutet, so hektisch wird es, als wir in Balamand ankommen. Die kleine zeitliche Verzögerung, die entstanden ist, weil wir uns verfahren haben, ist nicht der Hauptgrund dafür. Man hat das Konzert für 19 Uhr angekündigt. Wir gehen zum Zeitpunkt unserer Ankunft um 18:15 Uhr  jedoch noch von 20 Uhr aus und vollziehen in aller Ruhe unseren Soundcheck. Unsere Begleiterin Lucia, die sich bei dieser Reise um unser Programm kümmert, schicken wir sogar noch los, um etwas zu essen zu besorgen. Nach unserem Soundcheck ziehe ich mich in aller Ruhe um, davon ausgehend, dass ich noch alle Zeit der Welt habe. Als Lucia um kurz vor 19 Uhr zurück ist und sich dafür entschuldigt, dass wir uns nun so beeilen müssten, frage ich verunsichert nach, ob es denn nicht um 20 Uhr losgeht. Nein, es gab da ein Missverständnis. Die Konzerte beginnen lediglich im Sommer um 20 Uhr. Im Winter jedoch um 19 Uhr. Und da wir spät dran sind, heute ausnahmsweise um 19:15 Uhr. Wow. Dieses Missverständnis hat sich bis gerade noch nicht bis zu uns durchgesprochen. Was soll’s. Machen wir das Beste daraus. Dann essen wir eben ganz schnell. Auf dem Weg zum Tisch stolpere ich über einen Karton, der auf dem Boden liegt und verpasse meinem linken Nylon-Strumpf dabei ein Loch. Lucia ist direkt mit Nagellack zur Stelle, und da es sich glücklicherweise um einen Strumpf handelt, kann ich das Loch kaschieren, indem ich ihn einfach umdrehe. Das hat den lustigen Nebeneffekt, dass der Nagellack, der verhindern soll, dass das Loch größer wird, nun meine Fußsohle im Schuh festklebt. Egal. Jetzt schnell was essen, damit die Energie für den Auftritt reicht. Ein paar Minuten haben wir ja noch. Ich nehme mein Hähnchen-Sandwich auseinander, um es mit Messer und Gabel zu essen. Beim Reinbeißen zu riskieren, dass ich mich vollkleckere, muss ja jetzt nicht auch noch sein. Ich bin gerade dabei, mich von dem Schrecken mit der fehlenden Zeit und dem Loch im Strumpf zu erholen und mein Abendessen zu genießen, da höre ich draußen auf Französisch eine Frauenstimme. Wir werden gerade unangekündigt angekündigt. Heißt im Klartext: Es geht schon JETZT los.

Ich bin noch am Kauen und werde offenbar mit Hähnchen zwischen den Zähnen auf die Bühne gehen müssen. Für gewöhnlich wünsche ich mir ein glückliches Händchen für meine Auftritte. Heute wünsche ich mir ein glückliches Hähnchen, das ich da gerade verspeist habe und quasi mit auf die Bühne nehme.

Fühle ich mich bereit: Nein. Definitiv nicht.
Bin ich bereit? Ja. Das bin ich, wenn es nach dem erfolgreichen Verlauf und den rührenden Publikumsreaktionen dieses Abends geht.

Trotz heftiger Gewitter haben einige Konzertbesucher ihren Weg in das wunderschöne und auch wunderschön klingende Auditorium der Universität von Balamand gefunden. In dieser Gegend gibt es bedingt durch verschiedene Unsicherheiten weniger kulturelles Angebot. Das deckt sich mit meiner Wahrnehmung, dass das Publikum unser Konzert förmlich wie ein Schwamm aufsaugt. Die stehenden Ovationen und persönlichen Rückmeldungen im Anschluss an unser Konzert bestätigen dies. Ein kleiner Junge kommt nach unserer letzten Nummer an den Bühnenrand und lässt mich durch seine Mutter auf Englisch fragen, ob ich auch Französisch spreche. Nein, nicht wirklich, bedaure ich. Ich hätte mich gerne mit dem Kleinen unterhalten. Naja, ein bisschen Französisch kann ich doch: „Je t’aime.“, sage ich spontan zu ihm. Daraufhin gibt’s einen Applaus derer, die die Situation mitbekommen. Es kann so einfach sein.

Jens und ich sind nach diesem Konzert zweifelsohne erleichtert, dass alles gut gegangen ist. Und amüsiert sind wir auch. Und jetzt müde. Zur Belohnung gibt’s auf der Rückfahrt ein Eis.

Merke: Man ist oft auch dann bereit, wenn man sich nicht so fühlt. Und ob glückliches Hähnchen oder Händchen, was macht das am Ende schon für einen Unterschied?

 

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