Gelernt: Unabhängigkeit in Form von Konzertieren und Autofahren feiern

Mama, du musst jetzt ein bisschen stark sein. Ja, ich habe dir versprochen, hier auf mich aufzupassen. Und das tue ich auch. Ehrlich. Das mit dem Autofahren ist nicht so gefährlich und waghalsig wie es klingt. Ehrenwort. Aber fangen wir vorne an.

Es steht heute an: Unser letztes Konzert dieser Reise in einem Jugend- und Kulturzentrum in Zouk Mikhael. Am Montag geben wir noch einen Workshop in einer Musikschule, und dann geht’s in der Nacht von Montag auf Dienstag zurück nach Hause. Ich möchte nicht sagen, dass die Zeit schnell vergangen ist oder dass ich traurig bin, dass es bald nach Hause geht. Dazu waren meine Erlebnisse der letzten Tage viel zu intensiv, dazu habe ich sie viel zu sehr genossen und dazu fühle ich mich viel zu reich beschenkt. Es ist alles genau richtig so, wie es ist, und ich genieße alles, was der Libanon bis zu unserer Abreise noch für uns bereithält.

Dazu gehört heute ein stürmisches und regnerisches Wetter in der ersten Tageshälfte. Als nachmittags der Himmel aufreißt, bietet sich uns - mal wieder - ein spektakulärer und erstaunlich klarer Blick auf Beirut und das Meer. Atemberaubend.

Auf dem Weg zu unserem Auftritt stelle ich fest, dass die Dichte unseres Konzertprogramms zwar einerseits ein wenig ermüdend ist; andererseits ermöglicht sie mir eine gewisse Routine und Gelassenheit, weil ich in den letzten Tagen ein ums andere Mal beherzigt habe, mir eine Sache nach der anderen vorzunehmen. Das hat etwas sehr Befreiendes.

Apropos befreiend: Die Libanesen feiern heute ihren Unabhängigkeitstag. Die jungen Leute, mit denen wir es heute Abend hauptsächlich zu tun haben, geben zu erkennen, dass die (politische) Situation dieses Landes keinen Anlass zur Freude gibt - auch nicht an einem Tag wie heute. Umso ergreifender ist es für mich, dass sie aus Liebe zu ihrer Heimat die Nationalhymne anstimmen, ehe Jens und ich auf die Bühne gebeten werden.

Vor ein paar Tagen hat eine Mitarbeiterin des Kulturzentrums zu mir gesagt: „Am Samstag feiern wir Unabhängigkeit.“, woraufhin ich flapsig geantwortet habe: „Ich feiere Unabhängigkeit schon mein ganzes Leben lang.“ Das gab uns nicht nur Grund zum Lachen, sondern mir später auch zum Nachdenken.

Vielleicht es ja genau das, was ich heute Abend geben kann: etwas von meiner Unabhängigkeit, die ich mittlerweile erfahre, sei es als Künstlerin, Unternehmerin, als Frau oder einfach als Mensch. „Ich werde mich nicht zu politischen Themen äußern. Aber was ich tun kann, ist trotz aller Umstände Spaß mit euch haben und das Leben und die Unabhängigkeit mit euch feiern. Ich denke, auch oder gerade das hat an einem Tag wie heute seine Berechtigung.“ So oder so ähnlich fällt meine Begrüßung auf der Bühne an diesem Abend aus.

Auch heute treffen Jens und ich auf ein sehr interessiertes und wohlwollendes Publikum. Zu den besonders wahrhaftigen Augenblicken dieses Abends gehört - wie so oft - „Thankful for the Sunshine“ - gegen Ende des Konzertes. Als ich die Leute zum Mitsingen animiere, traut sich ein junger Mann aus der Deckung und variiert mit seiner Stimme zu dem Gesang der anderen. Ein Moment für die Ewigkeit. Gegen Ende des Songs lade ich ihn ein, gesanglich für mich einzuspringen, und auch das tut er. Was für eine coole Socke. Später werden wir uns in den Armen liegen und herzlich miteinander lachen. Nach ein paar amüsanten Verhandlungen mit dem Publikum und zwei Zugaben gehen Jens und ich schließlich von der Bühne. Verschwitzt, aber glücklich.

Die Zeit nach dem Konzert verbringen wir mit Schnappschüssen, dem Signieren von CDs und herzlichen und heiteren Begegnungen. Es macht mich bescheiden, mit welcher Dankbarkeit und Offenheit die Menschen mir begegnen und mich dabei in ihrem Land willkommen heißen. Die Zeit nach dem Konzert vergeht wie wie im Flug. Unser Begleiter Samer, der sich heute um unser Wohl kümmert, wird zunehmend ungeduldiger, denn wir sind mit ihm zum Abendessen verabredet. Und nicht nur das, er hat mir gestern auch ein Versprechen gegeben, das ich heute einlösen werde: Ich darf sein Auto fahren. Vor ein paar Tagen schon hatte ich den Gedanken, dass ich Spaß daran hätte, mich einer „Mutprobe“ im libanesischen Straßenverkehr zu unterziehen. Samers unerwartete Angebot kommt wie gerufen und ist einfach zu verlockend (und sein BMW im Übrigen auch). Abgesehen davon ist es um diese Uhrzeit recht ruhig auf den Straßen. Im Nachmittagsverkehr würde ich mich vorerst nicht hinter’s Steuer trauen, ehrlich.

Als Samer mir die Autoschlüssel in die Hand drückt mit den Worten: „Wir müssen los, dein Auto wartet.“, gelingt es uns schließlich, uns loszueisen. Nicht nur die Autofahrt zum Restaurant (die übrigens ohne jegliche Zwischenfälle verläuft und mir einen riesigen Spaß bereitet…so viel zum Thema Unabhängigkeit!), sondern vor allem das Beisammensein bei fantastischem, libanesischem Essen wird für mich zu einem Höhepunkt dieser Reise. Mit Arak, Zitronenlimonade und Wasser stoßen wir auf die Unabhängigkeit an. Auf das Brückenbauen und -begehen. Auf die guten Zeiten, die vor uns liegen. Auf das Jetzt. Und auf eine erfolgreiche Konzertreise. Entsprechend gelöst ist nun auch meine Stimmung. „To Make You Happy“ haben sie hier unsere Konzerte angekündigt. Heute Abend bin ich es - glücklich. Sehr sogar.

"Ich werde meine Glaubwürdigkeit verlieren, wenn ich in meinem Blog derart oft auf Superlative zurückgreife.“, geht mir nachts durch den Kopf, als ich die Fotos für meinen heutigen Blog auswähle und editiere. Was soll’s. Es ist, wie es ist. Während wir uns quasi schon auf der Zielgeraden dieses Libanon-Abenteuers befinden, gehört der heutige Tag zu den bewegendsten dieser Konzertreise.

Und so lerne ich heute nicht nur, (meine) Unabhängigkeit in Form von Konzertieren und Autofahren zu feiern, sondern eben auch diese Höhepunkte im Leben.

 

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