Herz zu Herz

Blick von Harissa auf Beirut und das Mittelmeer.
Blick von Harissa auf Beirut und das Mittelmeer.

Heute darf ich eine Sache tun, zu der ich vor zwei Jahren nicht mehr gekommen bin: mit der Seilbahn von Jounieh nach Harissa fahren.

 

Harissa ist eine bedeutende christliche Pilgerstätte oberhalb der Stadt Jounieh, nördlich von Beirut.

Auf dem Berg ist eine 15 Tonnen schwere weiß gefärbte Bronzestatue der Jungfrau Maria aufgestellt, (Notre Dame du Liban), die ihre Arme ausstreckt. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts angefertigt und im Jahre 1908 eingeweiht.

(Quelle: Wikipedia)

 

Dass ich heute Mittag Freizeitprogramm betreibe liegt daran, dass mein Konzert in der Universität von Balamand abgesagt werden musste. Der Gründungsvater der Universität, Patriarch Ignatius IV (Hazim) of Antioch, ist verstorben, was zur Folge hat, dass für 40 Tage getrauert wird. Das komplete Kulturprogramm ist aus diesem Grund abgesagt worden. Der alternative Termin, den die fleißige Astrid für mich kurzfristig für heute Abend arrangieren konnte, befindet sich in der Nähe und ist für mich mit weniger Aufwand verbunden als das Konzert in Balamand. Dass eben dieser Termin zu einem der Highlights meiner Reise werden wird, ahne ich allerdings noch nicht, als ich in die Seilbahn steige.

 

Ich gebe es offen zu, mich reizen vor allem die Fahrt an sich (von wegen "Auf dem Seil" und so...) und der Ausblick. Tatsächlich ist aber auch die Atmosphäre an einer Pilgerstätte wie dieser eindrucksvoll. Und ich begegne, auch wenn ich mich wiederhole, lauter netten Menschen, wie man den Fotos ansieht. Unglaublich, wie sehr sich die Leute immer wieder freuen, wenn ich sie frage, ob ich ein Foto machen darf.

 

Auch hier fällt mir auf, dass ich zu den wenigen ausländischen Touristen zähle. Vielleicht bin ich sogar die einzige. Ich falle auf, so viel ist sicher. Wäre diese Pilgerstätte irgendwo in Europa, sie könnte sich vor Touristen kaum retten, da bin ich mir sicher. Vielleicht wird der Libanon ja irgendwann in der Zukunft wieder zu dem Reiseziel werden, das er einst war. Zu wünschen wäre es ihm.

 

Zukunft ist ein gutes Stichwort. Der Libanon hat eine schlimme Vergangenheit hinter und eine ungewisse Zukunft vor sich. Deswegen leben die Leute hier im Augenblick, so scheint es mir. Und das wiederum empfinde ich, die gerne plant und sich mit der Zukunft befasst, als sehr angenehm. Der gegenwärtige Augenblick - ist der nicht ohnehin das, worum es bei Lebensqualität geht?

 

Nach einer fantastischen Tasse libanesischen Kaffees mache ich mich auf den Weg nach unten und schließlich mit dem Taxi auf in Richtung Beirut. Ich treffe mich dort mit Kholoud, die am Sonntag mein Konzert an der Amerikanischen Universität in Beirut besucht hat und danach so begeistert war, dass sie über Astrid Kontakt mit mir aufgenommen hat, um mich in 2013 für ein paar Konzerte zu buchen. Treffpunkt ist das "Phoenicia" - das edelste Hotel Beiruts. Dort angelangt stellt mich Kholoud einem der Manager des Hotels vor. Nach ein paar Hörproben am Flügel in der Lobby bekundet auch er Interesse, mich bei meinem nächsten Aufenthalt im Libanon zu buchen.

 

Bei leckerem Kokosnusskuchen erzählt mir Kholoud schließlich ein wenig über sich, und ich komme kaum aus dem Staunen heraus, was sie zu erzählen hat. Aus einer wohlhabenden Familie stammend engagiert sie sich mit großem Enthusiasmus für wohltätige Zwecke. Sie selbst ist Muslima, macht mir allerdings sehr schnell klar, dass es ihrer Auffasung nach keinen Unterschied zwischen den Religionen gibt, wenn sie nur aufrichtig und liebevoll gelebt werden. Ihre Geschichten und Auffassungen wiederzugeben würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Was ich aber sagen kann ist, dass sie zu den beeindruckendsten Menschen gehört, die mir in meinem Leben bislang begegnet sind. Entsprechend inspirierend und tiefgreifend sind die Gespräche, die wir miteinander führen, bis sie mich schließlich zu meiner nächsten Etappe fährt. Es ist zu wünschen, dass unser Abschied der Beginn einer langen Freundschaft ist.

 

Nach einer schnellen Falafel geht es in die Musikschule "Mozart Chahine".  Was mich dort genau erwartet, weiß ich nicht. Ein wenig für die Schüler spielen soll ich wohl. Und ihnen Tipps geben bzw. ihre Fragen beantworten.

 

Die Direktorin Rita ist - natürlich - sehr freundlich und zeigt mir stolz die liebevoll eingerichtete Musikschule; und zwar jedes einzelne Zimmer, in dem unterrichtet wird. Heißt im Klartext, dass wir in den folgenden Minuten in etwa 10 Unterrichtsstunden, die gerade in vollem Gange sind, hineinplatzen. Das ist mir ein wenig unangenehm, aber Rita versichert mir, dass sei so schon in Ordnung. Also grüße ich alle freundlich, wünsche ihnen viel Spaß beim Unterricht und bekomme in dem Raum, in dem Schlagzeug unterrichtet wird, sogar ein "Ständchen" vorgespielt - bzw. getrommelt.

(Anmerkung für Jens: Ja, habe ich für dich gefilmt :-) !)

 

Schließlich begebe ich mich in den Raum, in dem später die Veranstaltung stattfinden wird. Ich habe gerade das Mikrofon eingestellt, da kommt ein Junge mit seinem Vater herein. Die beiden sind fast eine Stunde zu früh dran. Ich komme mit dem 12-Jährigen ins Gespräch, der sich mir als Charbel vorstellt. Dass der Junge besonders ist, geht mir durch den Kopf, als er mir von seinen musikalischen Vorlieben erzählt: Er hört gerne Elvis Presley und Johnny Cash. Vielleicht ist auch deswegen sein Englisch so gut? Wir plaudern über Musik und seine Lieblingslieder, und je länger ich ihm zuhöre, umso beeindruckter bin ich. Er erzählt mir, dass einer seiner Lieblingssongs "Folsom Prison Blues" von Johnny Cash sei und singt es mir spontan vor. Wäre dies nicht ein so besonderer Moment, ich würde die Kamera zücken und filmen. Aber es gibt Momente, die sind eben nicht für die Kamera bestimmt sondern eben einfach...sagen wir: von Herz zu Herz. Deswegen hier das Original:

Charbel erzählt mir ein wenig darüber, was er an Johnny Cash so besonders schätzt und kommt dabei auch kurz auf dessen Frau zu sprechen. Wie war nochmal ihr Name?, will er von mir wissen. Keine Ahnung, sage ich, aber da er "Cash" hieß, war ihr Name vielleicht "Credit Card"? Wir lachen uns kaputt.

 

Es scheint naheliegend, die verbleibende Zeit, bis sich das Zimmer füllt, für eine gemeinsame Musik-Session zu nutzen. Ob er Lust habe, was zu singen, frage ich ihn. Ich könnte ihn auf dem Klavier begleiten. Charbel schlägt schließlich "We are the World" von Michael Jackson vor, und wir legen los. Irgendwann inmitten des Songs springt er von seinem Stuhl auf, um mit noch mehr Hingabe zu singen. Mir geht das Herz über. Es mag abgedroschen klingen, aber Momente wie diese sind es, die mir verdeutlichen, wie relativ Zeit und Raum sind. Hier ist ein 12-jähriger libanesischer Junge und hier eine 31-jährige Deutsche, die miteinander musizieren, als seien sie alte Freunde. Herz zu Herz eben.

 

Als die Direktorin dazustößt, ist ihr ihre Verwunderung anzumerken. Später wird sie uns bitten, den Song vor den anderen zu wiederholen, und gefilmt wird das Ganze dann auch.

Ich bin hier, um den Schülern, die nach und nach das Zimmer betreten, Mut zu machen, immer an sich und ihr Talent zu glauben und sich treu zu bleiben. Das geschieht in einer Mischung aus Konzert, Frage-und-Antwort-Session und einer offenen Runde, in der mir die Schüler etwas vorspielen oder vorsingen. Bin ich froh, dass das Konzert in Balamand ausgefallen ist!

 

Manche der Schüler haben so viele Fragen an mich, dass die Veranstaltung länger als geplant ausfällt. Manche der Jüngeren müssen gehen, während manche der Älteren gar nicht genug bekommen können, so scheint es. Ich genieße den Austausch bis zuletzt. Für das Gruppenfoto, das ich am Ende vorschlage, ist nur noch die Hälfte da. Aber ich werde wiederkommen, verspreche ich, und dann können wir noch jede Menge Fotos knipsen.

 

Als ich nach Hause komme, erwarten mich dort gleich mehrere "Freundschafts-Anfragen" der Schüler auf Facebook. Ich habe sie ermutigt, mich zu kontaktieren, damit sie auch in Zukunft mit Fragen oder Ideen auf mich zukommen können. Man kann ja viel Kritisches über Facebook sagen, aber was ich daran schätze ist, dass ich auf diese Weise tatsächlich mit den Menschen, die ich hier kennenlerne, in Kontakt bleiben kann.

 

Noch drei Tage bleiben mir hier im Libanon. Hm. Wie war das noch mit dem gegenwärtigen Augenblick? Also, Laptop aus und ab ins Bett, denn der gegenwärtige Augenblick verrät mir, dass da wer ganz schön müde ist.

Auf dem Seil mal anders - in einer Gondel!
Auf dem Seil mal anders - in einer Gondel!
Atemberaubende Sicht auf dem Weg nach oben.
Atemberaubende Sicht auf dem Weg nach oben.
Oben: netter Empfang.
Oben: netter Empfang.
Notre Dame du Liban
Notre Dame du Liban
Liebe ist überall :-).
Liebe ist überall :-).
Li(e)banesischer Kaffee wahrlich mit Liebe serviert.
Li(e)banesischer Kaffee wahrlich mit Liebe serviert.
Finde den Fehler.
Finde den Fehler.
Nette Einstieghilfe beim Runterfahren
Nette Einstieghilfe beim Runterfahren
Ausblick vom obersten Stock des Hotels Phoenicia in Beirut.
Ausblick vom obersten Stock des Hotels Phoenicia in Beirut.
Anstelle des Konzerts in Balamand: Begegnung mit Musikschülern der "Mozart Chahine"
Anstelle des Konzerts in Balamand: Begegnung mit Musikschülern der "Mozart Chahine"
Herz zu Herz.
Herz zu Herz.

Schüler und Lehrer der "Mozart Chahine".
Schüler und Lehrer der "Mozart Chahine".
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