Wenn sich Wege kreuzen

In einem Land wie dem Libanon kommt man nicht umhin, sich mit Religion zu befassen. Unabhängig davon, welcher man nun angehört, stellen sich aber früher oder später vermutlich dieselben Fragen. Die zum Beispiel, ob es es sich bei manchen Begebenheiten um Zufälle handelt oder präzise geplante Fügungen einer höheren Macht, deren Plan wir nur bedingt einsehen und verstehen.

 

Über dieses Thema unterhalte ich mich am Morgen mit Lotti, ehe ich für den Rest des Tages losziehe. Darauf gekommen sind wir unter anderem deswegen, weil es eine kuriose Verbindung zwischen meiner und ihrer Familie gibt. Vor vielen Jahren, als meine Mutter noch zur Schule ging, durfte ein/e Schüler/in aus ihrer Klasse nach dem Schulabschluss für ein Jahr zu einer deutschen Familie in den Libanon; der oder die Klassenbeste, wenn ich mich recht erinnere. Das wäre damals eigentlich meine Mutter gewesen, allerdings kam es aus irgendwelchen Gründen, an die ich mich gerade nicht mehr erinnere, nicht dazu - sehr zur Enttäuschung meiner Mutter. Und so begab es sich, dass anstelle von ihr ihre damals beste Freundin Eva das Auslandsjahr im Libanon verbrachte. Als ich meiner Mutter nun im letzten Jahr von meiner bevorstehenden Reise erzählte und ihr schilderte, bei welcher Familie ich untergebracht werden würde, ahnte sie etwas, das sich nach meiner Ankunft im Libanon bestätigte: Es handelte sich damals um Lottis Familie. Lotti kann sich bis heute noch sehr gut an Eva erinnern. Dass mir letztes Jahr wie heute eine Erfahrung zuteil wird, die meiner Mutter damals, vor vielen Jahren, verwehrt blieb - das fasziniert Lotti, meine Mutter und mich gleichermaßen. Aber dies soll nicht die einzige Fügung sein, die mich heute beschäftigen wird.

 

Zunächst aber darf ich Gast bei einer Probe sein, und zwar der Probe von Astrids und Ghassans Kindern für das bevorstehende Weihnachtskonzert, das leider genau an dem Tag stattfinden wird, an dem ich abreise. Immerhin darf ich die Probe miterleben, was die drei süßen Knöpfe offensichtlich in ähnlicher Weise erfreut wie mich. Ich bin beeindruckt, wie gut das Orchester und der Chor klingen. Das wird ein wunderbares Konzert werden, daran habe ich keine Zweifel.

 

Zweifellos schön ist übrigens auch das heutige Wetter. Strahlender Sonnenschein und angenehme, frühlingshafte Temperaturen. Welches Wetter mich in Deutschland nach meiner Rückkehr am kommenden Dienstag erwarten wird, daran will ich heute lieber nicht denken.

 

Den Nachmittag verbringe ich mit Astrid, Ghassan und deren drei Kindern. Im Zuge dessen komme ich in den Genuss eines sehr leckeren, libanesischen Mittagessens mit frisch zubereitetem Hummus - Chassans Spezialität. Das Geheimnis sei das hochwertige Sesamöl, wird mir verraten. Ob ich das in Deutschland wohl auch so gut hinbekommen werde?

 

Gegen Abend fahren wir in Richtung Jounieh. Dort habe ich eine Verabredung, während sich die anderen um Weihnachtseinkäufe kümmern. Und auch dieser Termin hat etwas mit einer faszinierenden Fügung zu tun, wenn man das so ausdrücken kann.

 

Als ich vor ein paar Wochen in meinem Lieblingscafé, dem Café Kaldi in Duisburg-Ruhrort, bei einem Cappuccino saß, fragte der Mann am Nebentisch eine der Besitzerinnen nach einer CD, die unlängst bei seinem letzten Besuch im Café gelaufen war. Dabei beschrieb er eine Frauenstimme, bei der es sich offensichtlich um meine handelte, denn kurzerhand verwies ihn Silke an mich am Nebentisch. Zuerst guckten er, seine Frau und ich uns daraufhin erstaunt an und gerieten dann in einen netten Austausch. Wo ich denn in der nächsten Zeit auftreten würde, wurde ich gefragt, woraufhin ich zur Antwort gab, dass die einzigen Konzerte, die in diesem Jahr noch anstünden, im Libanon stattfinden würden. Es stellte sich heraus, dass das Ehepaar gute Freunde hat, die in Jounieh leben und denen sie unbedingt Bescheid geben wollten.

 

Und tatsächlich, am Mittwoch kamen nach meinem Konzert im Kulturzentrum in Jounieh zwei äußerst sympathische Menschen auf mich zu, die sich mir als Ursula und Yussuf Assaf vorstellten und als diejenigen, die von ihren Freunden aus Duisburg den Tipp bekommen hatten, zu meinem Konzert zu kommen. Nicht nur das, es stellte sich zudem heraus, dass Ursula selbst aus Duisburg stammt. Es folgte eine herzliche Einladung zu Kaffee und Kuchen bei ihnen am heutigen Samstag.

 

Auf den Besuch bei den beiden freue ich mich sehr, denn die kurze Begegnung am vergangenen Mittwoch lässt mich erahnen, wie wunderbar die beiden sind und wie beeindruckend ihr Werdegang bei aller Bescheidenheit, die die beiden an den Tag legen, ist. Auf der Website des Goethe-Instituts findet sich ein Text, der möglicherweise empfehlenswerter ist als alles, was ich selbst zu diesem Thema schreiben könnte:

Goethe in Beirut: Der Mut des Yussuf Assaf

 

Die zwei Stunden bei leckeren Törtchen und Kaffee sind leider viel zu schnell um, dafür aber so interessant und inspirierend, dass ich noch in Wochen und Monaten davon zehren werde - und das nichtzuletzt auch dank der Bücher, die die beiden mir schenken: allesamt ihre Werke. Ich fühle mich in jederlei Hinsicht reich beschenkt, als es an der Zeit ist, zu gehen. Vorher rufen wir aber noch unsere jetzt "gemeinsamen Freunde" in Duisburg an, um zu berichten, wie sich die Dinge gefügt haben, und vereinbaren, dass wir bei meinem nächsten Besuch mehr Zeit miteinander verbringen werden. Bewandert wie die beiden sind, kann ich es kaum erwarten, den Libanon in ihrer Gesellschaft noch besser kennenzulernen.

 

Nach einer solchen Begegung wäre es eigentlich der Eindrücke für heute genug, aber auf dem Programm steht noch das Big Band Konzert des libanesischen Konservatoriums in der Assembly Hall der amerikanischen Universität unter der Leitung von Dr. Gene Aitken. Letzterer erobert mein Herz im Sturm, als er mit seinen geschätzten über 60 Jahren und amerikanischer Lässigkeit die Bühne betritt. Für den Rest des Konzertes wird er beim Dirigieren strahlen und tanzen, was ich von meinem Platz in der dritten Reihe besonders gut verfolgen kann. Wunderschön ist dabei auch, wie er damit die Musiker anfeuert.

Was ich damit meine, lässt sich anhand eines Videos, das ich später von einem anderen Konzert auf Youtube finde, veranschaulichen:

Ich bin für gewöhnlich kein besonders großer Fan von Big Bands, aber was hier heute Abend geboten wird, ist mitreißend und macht Spaß. Es leuchtet mir ein, dass Aitken mit dem folgenden Text in der Einladung zum Konzert angekündigt wurde:

 

Grammy-nominated Dr. Gene Aitken is considered one of the most exciting and energetic jazz clinicians today, and is recognized as a visionary in both jazz education and computer technology.

 

Wie es die Fügung so will, oder wie auch immer man es nennen mag, komme ich mit ihm ins Gespräch, als wir eigentlich schon auf dem Weg nach draußen sind. Die paar Minuten Austausch sind herzlich und interessant. Noch am selben Abend findet ein Emailaustausch zwischen uns beiden statt, in dem wir vereinbaren, einander über unsere Projekte und Besuche im Libanon auf dem Laufenden zu halten.

 

So viele Freundschaften, wie ich hier dieser Tage schließe, spreche ich mit immer mehr Selbstverständlichkeit von meinen nächsten Aufenthalten hier. Wenn man sich in ein Land verlieben kann, so bin ich gerade auf dem besten Wege dorthin. Und das vor allem wegen der Menschen, denen ich hier begegne. Wenn sich Wege kreuzen, weiß man nicht immer, warum und wozu, aber man spürt sehr wohl, wenn etwas von Bedeutung ist.

 

Und so beschließe ich meinen heutigen Blog-Eintrag mit einem Zitat aus dem Buch Melodien des Lebens von Yussuf Assaf:

 

Gib deine Hand

und nimm die meine.

Hand in Hand werden wir

weder straucheln noch fallen.

 

Hand in Hand

werden wir unser Ziel erreichen,

das wir suchen

im Meer unseres Lebens.

Probe vor dem großen Weihnachtskonzert der Kinder von Astrid und Ghassan.
Probe vor dem großen Weihnachtskonzert der Kinder von Astrid und Ghassan.
Fantastisches Wetter und frühlingshafte Temperaturen.
Fantastisches Wetter und frühlingshafte Temperaturen.
Hummus in the making. Knoblauch-Attacke!
Hummus in the making. Knoblauch-Attacke!
Mein Abschied naht: Eintrag ins Gästebuch des Kulturvereins.
Mein Abschied naht: Eintrag ins Gästebuch des Kulturvereins.
Schick für's Konzert.
Schick für's Konzert.
Wunderschönes Licht am Abend.
Wunderschönes Licht am Abend.
Blick auf Beirut.
Blick auf Beirut.
Unerwartete Weihnachtsgeschenke.
Unerwartete Weihnachtsgeschenke.
Heute nicht auf der Bühne, sondern im Publikum der Assembly Hall der American University of Beirut (AUB).
Heute nicht auf der Bühne, sondern im Publikum der Assembly Hall der American University of Beirut (AUB).
Dr. Gene Aitken und die Big Band des libanesischen Konservatoriums.
Dr. Gene Aitken und die Big Band des libanesischen Konservatoriums.

0 Kommentare